17. Zusammenspiel

Im juristischen Seminar wurden wir von einem zugeknöpften hundertprozentigen Juristen unterrichtet. Das Rechtsseminar galt als Studienbrecher Nummer eins. Ihm fielen die meisten Studienopfer anheim. Das hing wohl damit zusammen, dass zur Zwischenprüfung das juristische Material aus vier Semestern zur Prüfung an stand. Ich hatte den Eindruck, schuld daran könnte auch der unterrichtende Jurist haben, gegenüber dem sich automatisch eine gewisse Abwehrhaltung breitmachte. Diese wiederum könnte zu einer Lernhemmung bei den Studenten führen. Das blieb meine Hypothese.

Der Mann bereitete das ohnehin trockene Material buchstabengetreu gemäß den zu unterrichtenden Gesetzen auf. Der Praxisbezug, der in dem Studiengang in anderen Fächern durchaus Relevanz hatte, schien im juristischen Seminar, wenn überhaupt, nur nebenbei hin und wieder von Wichtigkeit. Selbst die der Juristerei innewohnende Logik, anhand derer ein Lernender sich einen Zugang zu diesem Gebiet verschaffen könnte, schien dem Dozenten eher im Weg zu stehen. Er nutzte die Fülle der Gesetzestexte, um sie umfangreich so zu zitieren, als unterrichte er in einem philosophischen Seminar. Das war durchaus beeindruckend, denn letztlich stellte sich heraus, dass der Mann manches Gesetzbuch auswendig rezitieren konnte.

In der zehnten juristischen Vorlesung dieser Art fanden sich einige neue Studenten ein, während andere nicht mehr erschienen. Das war ganz normal, denn zu Beginn des Studiums war es noch unklar, wer in dem Studium bereits richtig gelandet war. Andere wiederum hatten ihren Weg in das Studium deshalb noch nicht gefunden, weil sie als Nachrücker auf irgend einer Liste, von der zentralen Vergabestelle einen Studienplatz an der Uni der Stadt erhielten.

An dem Tag nahm ich im Seminarraum an einen Tisch Platz, der ansonsten noch völlig leer war. Neben mir, vor mir und hinter mir gab es weitere freie Plätze. Das Seminar war insgesamt schwach besucht.
Minuten vor Beginn der Vorlesung stand eine Studentin in der Türschwelle, die ich bis dahin nicht gesehen hatte. Von dort aus musterte kurz den gesamten Raum. Schließlich bewegte sie sich zielstrebig in meine Richtung. Sie setzte sich neben mich. Nicht nur das, sie lächelte mich an, reichte mir die Hand und sagte:
„Hallo, ich bin Regina.“
Da war ich platt und antwortete:
„Hallo, ich bin Bernado.“
Mehr dazu zu sagen ging nicht.

An diesem Tag verstand ich den Juristen immer weniger. Ich versuchte, konzentriert und interessiert zu wirken, beschäftigte mich aber vor allem mit der Frage, was es bedeuten könnte, dass sich eine Regina ausgerechnet neben mir niederließ, obwohl doch der halbe Raum leer gewesen war.
In den folgenden Seminaren wiederholte sich das. Sie setzte sich einfach auf den Platz neben mir. Das entwickelte sich zur Normalität. Sie saß neben mir. Bald sah das so aus, als sei es unsere Normalität. Keiner in den Seminaren wusste, dass wir uns bis zu der zehnten juristischen Vorlesung noch nie begegnet waren. Ich musste nichts tun, es ergab sich stets, dass sie neben mir im Seminar saß.

Sie war von Anfang an interessant. Ich hatte sie in der Türschwelle gesehen und dachte mir genau das: Interessant. Später erkannte ich, dass es Gründe dafür gab, wie sie wirkte. Sie war intelligent, stellte oft genau die richtigen Fragen an richtiger Stelle. Sie hatte wohl ein starkes Selbstbewusstsein. Sie interessierte sich für mich, das war klar. Sie ging nicht nur auf mich zu, nein, da war noch viel mehr. Sie hatte sich mich ausgesucht. In dem Seminarraum wären genug andere gewesen, trotz der vielen freien Plätze. Sie hatte sich für mich entschieden.
Nach diesem Erlebnis war der Jetlag vom Studienbeginn für mich endgültig Vergangenheit. Ab diesem Augenblick war ich hellwach geworden. Die Nachtschicht in der Fabrik, die ich auf den Tag im Studium verlegt hatte, war vorüber. Ich hatte eine intelligente Regina kennen gelernt. Nein, sie hatte mich wahrgenommen, um mich kennen zu lernen. Ich musste ab diesem Zeitpunkt zeigen, wer ich war, denn ich wurde von ihr gesehen und im Grunde irgendwie genommen. Das war das Ende meiner Tagträumereien. Es ging nun darum, Regina zu beweisen, dass ich ihr in Sachen Intelligenz nicht all zu weit nachstand, dass sie eine Wahl getroffen hatte, die ihrem geistigen Level entsprach. Die Sache zwischen uns entwickelte sich rasant. Sie wurde für mich zu einer guten Freundin und später zu einer Partnerin. Noch im ersten Semester entwickelte sich eine Freundschaft, die schnell an Intensität gewann, von der ich bald den Eindruck gewann, dass wir beide uns seit langer Zeit kannten, so dass wir jederzeit zusammen Pferde stehlen könnten, weil wir ein gut aufeinander eingespieltes Team waren.

Der hundertprozentige Jurist hatte zum Abschluss von einem seiner vier Rechtsseminare, die wir regelmäßig besuchten, ein mündlich zu absolvierendes Kolloquium als Prüfung angesetzt. Bei der Einschreibung für die Prüfung fiel uns beiden gleichzeitig auf, dass der Prüfungstermin rechtlich gesehen gar nicht zulässig war, weil er außerhalb der in der Studienordnung vorgesehenen Prüfungszeiträume lag. Wir wunderten uns darüber nicht lange, sondern begannen gleich nachzuforschen, welchen Grund der zugeknöpfte Jurist dafür wohl haben könnte.
Außer uns beiden schien diese Ungereimtheit niemandem aufzufallen oder zu interessieren. Regina ermittelte dank ihres Charmes die Gründe bei einem Sekretär im Vorzimmer des Dekans. Der Volljurist plante in der eigentlich angesetzten Prüfungszeit einen umfangreichen Vortragsmarathon an einer Schwesteruniversität im deutschsprachigen Ausland. Deshalb hatte er das Prüfungs-Kolloquium einfach außerhalb der Prüfungszeit angesetzt. Ein klarer Verstoß gegen die Prüfungsordnung. Für einen Juristen eine erstaunlich freie Rechtsauffassung, aber vor allem eigennützig und daher markant menschlich, meinte Regina.

Wir beide meldeten uns schließlich am Semesterende zu einem der ausgeschriebenen Themen bei dem Juristen zur Kolloquiums-Prüfung an. Allerdings wählten wir ein Thema, das wir auf dem Prüfungsplan fanden, von dem wir noch nie etwas gehört hatten. Das schien uns außergewöhnlich reizvoll. Dass wir das Thema nicht kannten, war spannend und deshalb für unser Vorhaben geeignet.

Regina fragte: „Wie war dieses Thema in die Prüfung geraten? Plant der Mann tatsächlich etwas zu prüfen, das über das Semester hinweg niemals Erwähnung gefunden hatte?“ Wir ließen den Prüfungstag mit dem Kolloquium auf uns zukommen, ohne uns auf das Thema vorzubereiten. Unsere Absicht war klar. Wir wollten Pferde stehlen.
Kurz vor der Prüfung bekamen wir doch ein wenig Angst. Regina fragte mich, ob wir das Ding jetzt wirklich einfach durch ziehen sollten.
Ich nickte und sagte:
„Jetzt ist „ab und durch“ angesagt, weil 's eh schon zu spät ist.“
Im Prüfungsraum saßen wir beide dem Professor gegenüber, der sofort begann, einen Gesetzestext zu zitieren. Nach drei Minuten fragte er, wie der Text im Kontext des gewählten Prüfungsthemas nun juristisch einzuschätzen sei. Wir saßen vor dem Mann und schwiegen. Das taten wir etwa zwanzig Sekunden lang.
Schließlich sagte ich:
„Wir sind heute gekommen, um mit Ihnen zu verhandeln.“
Darauf antwortete der Jurist:
„Aha! Das ist ein interessanter Einstieg in diese Materie!“
Regina:
„Wir haben Ihnen etwas wirklich Interessantes anzubieten.“
Der Jurist:
„Ah ja, ich weiß schon, worauf Sie hinaus wollen und das trifft die momentane, aber vor allem wohl künftige Debatte rund um diese juristische Thematik wohl schon ziemlich genau.„
Ich:
„Wir haben uns auf diese Verhandlung selbstverständlich sehr gut vorbereitet. Wir erlauben uns, frei heraus alles zu gestehen. Zu dem Thema selbst können und wollen wir aber nichts weiter sagen. Wir haben Ihnen ein Handelsangebot in beiderseitigem Interesse zu unterbreiten.“
Der Jurist:
„Genau das trifft die Sache! Solches gibt das Strafrecht heutzutage nun wirklich nicht her! Es wird aber mehr und mehr, und das ist erschreckend, selbst von eingefleischten Juristen in höchsten Ministerien gefordert.“
Regina:
Der Handel, den wir für Sie mitgebracht haben, basiert auf unserem reuigen Geständnis: Wir haben uns nur auf das Verhandeln mit ihnen vorbereitet, nicht aber auf das eigentliche Thema. Ein konsensfähiger Deal zwischen uns beiden dient letztlich unserem beiderseitigen Gewinn!“
Jetzt holte der Jurist voll aus:
„Damit haben Sie das Thema im Kern erfasst! Das deutsche Strafrecht schließt genau dieses aus. Das Gericht verhandelt mit dem Angeklagten nicht! Es verurteilt nach einer souverän geführten, geordneten Beweisaufnahme gemäß den Buchstaben des Gesetzes. Es wird nicht verhandelt, es ist im Sinne geltender Gesetze zu verurteilen! Das meint der „Inbegriff der Verhandlung“ im Sinne der Strafprozessordnung, dass eine Verurteilung nicht auf dem Einverständnis des Verurteilten beruht, sondern auf Wahrheit und Gerechtigkeit!

Der Jurist blickte uns beide angestrengt an. Er erwartete keine Antwort. Er setzte die Brille ab. Atmete dabei tief ein, womit er wohl seinen drei letzten Worten zu schwerem Gewicht verhelfen wollte. Einige schweigende Sekunden später setzte er die Brille wieder auf, als wollte er in einem Text lesen, fixierte uns, seine beiden Prüflinge und fuhr nach erneutem tiefem Einatmen mit harter Stimme fort:
„Die Wahrheit wird das Gericht aber durch einen Deal, den Sie beide mir hier heute anbieten wollen, nicht herausfinden! Eine Verurteilung aber, ohne dass sich die Schuld des Verurteilten zu einer gewachsenen Überzeugung des Strafgerichtes stabilisiert, verbietet sich vor dem Hintergrund des strafrechtlichen Verfassungsrechtes. Demnach sind wir keine Verhandlungspartner! Sie, die Angeklagten, sind mit allen Instrumenten der Strafjustiz zu belehren, zu beraten, zu verteidigen und schließlich zu verurteilen. Alles andere entspringt letztlich einer fatalen Fehlentwicklung von Rechtsstaatlichkeit, die das deutsche strafrechtliche Verfassungsrecht keinesfalls zulässt. Ihr Deal ist dorthin zurückzuverbannen, wo er hingehört: Auf den Jahrmarkt!“

Regina und ich saßen schweigend vor dem Juristen. Der hatte sich offenbar in einen Richter verwandelt. Unser Schweigen dauerte Sekunden. Es waren Sekunden, die sich wie Minuten anfühlten. Mein Kopf war leer. Ich glaubte, dass wir beide mit unserer Nummer vom Pferde stehlen in einen völlig falschen Film hineingeraten waren. Wir hatten uns in ein unkontrollierbares Abseits manövriert. Die Ausführungen des dozierenden Juristen waren fünfmal so umfangreich wie der Beitrag von uns beiden. Angesichts eines Prüfungs-Kolloquiums schien mir der von uns wiedergegebene Textbeitrag zum Thema extrem kurz geraten. Nach diesem Vortrag lichtete sich immerhin das Thema. Wohin hatten wir uns verstiegen? Mit wem hatten wir uns hier angelegt? Wie soll das nun weitergehen? Keine Ahnung. Das war alles, was mein Hirn dazu zu sagen hatte.

Regina brach das Schweigen. Sie sagte:
„Sie sprechen noch kein Urteil über uns! Wir ziehen unseren Vorschlag zurück. Nichts haben wir Ihnen anzubieten, denn wir sind keine Handelspartner von Ihnen. Diese Rolle steht uns nicht zu, denn es gibt sie gar nicht. Wir fügen uns, denn wir wissen wohl, dass der Richter am deutschen Gericht kein Schiedsrichter ist. Das Gerichtsurteil ist als wahr, in der von Ihnen getroffenen Feststellung und als gerecht, betreffend des vom Gericht verhängten Strafmaßes letztlich nur von Ihnen, Herr Richter, allein zu verantworten! „

Aus der mündlichen Prüfung gingen wir beide mit der Bestnote heraus. Der Jurist war von unserer Show schwer beeindruckt. Er war überzeugt, dass wir das von ihm gestellte Thema aufgelockert und ungewöhnlich präsentieren wollten. Es entwickelte sich so, dass wir unsere eigentliche Absicht, Pferde zu stehlen, gar nicht in die Tat umsetzen konnten. Wir mussten dem Mann nicht damit drohen, ihn mit seiner außerhalb der Prüfungszeit angesetzten Prüfung auffliegen zu lassen. Wir mussten mit ihm nicht über das verhandeln, was wir anzubieten hatten. Das bedeute, wir konnten auf dieses „Auffliegen lassen“ verzichten, weil er uns ohnehin eine gute Note für unser mündliches Kolloquium gab. In dessen Augen hatten wir offenbar den Kern des Prüfungsthemas getroffen.
Regina hatte sofort begriffen worum es ging. Mit Ihren Schlussworten hatte sie den zugeknöpften Juristen schwer beeindruckt. Für Studenten im ersten Semester schien ihre Show, dem Thema zu begegnen, perfekt inszeniert. Der Zugeknöpfte war hoch zufrieden damit, zwei Erstsemester-Prüflinge vor sich zu haben, die ihn von einer reinen Diskussion in eine Art Schauspiel versetzten. Dass der Jurist den Hauptbeitrag dazu selbst geliefert hatte, spielte keine Rolle. Ich glaube, er war einfach sehr begeistert davon, dass er in dem Rollenspiel den Richter spielen durfte.

Regina hatte nicht nur den Juristen, sondern auch mich schwer beeindruckt. Ich hatte zum Schluss deshalb geschwiegen, weil mir schlicht nichts dazu eingefallen war. Mir blieb einzig die Frage, wie wir aus dieser Szene wieder herauskommen könnten. Diese blieb ohne Antwort.

Regina aber hatte durchschaut worum es ging. Sie hatte die Sekunden des Schweigens genutzt, um ihre Sätze im Kopf zu sortieren. Sie ließ sich nicht beirren. Schon gar nicht versetzte sie sich selbst, so wie ich es getan hatte, in einer Art geistige Starre. Sondern sie nutzte die Sekunden, um eine souveräne, geordnete und überzeugende Antwortet zu geben. Ich fand in meinem Kopf nur Leere. Es war tiefes Unverständnis darüber, was nun zu sagen war. Ich fand sogar Angst darüber, wohin das was wir angerichtet hatten führen könnte. Deshalb verlor ich in dem Gespräch die Fähigkeit zu führen. Regina führte uns.

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