20. Familie

Im dritten Semester schlug Regina einen gemeinsamen Besuch bei ihren Eltern vor. Sie hatte ihnen schon öfter von mir erzählt. Ich war von ihrem Vorschlag überrascht. Wir hatten so gut wie nie miteinander über unsere Familien gesprochen. Das kam mir wegen meiner familiären Vergangenheit sehr entgegen. Durch den Vorschlag von Regina wurde mir klar, dass sie ahnte oder gar wusste, warum wir dieses Thema bislang umschifft hatten. Sie war mir entgegengekommen, indem sie mich damit nicht oft oder, besser gesagt, im Grunde nie behelligt hatte.
Sie hatte sich vollständig darauf eingestellt, dass ich keine Eltern anzubieten hatte. Wir hatten höchstens zwei bis drei Mal über unsere Familien gesprochen. Ich wusste von ihren Eltern nur das Nötigste, sie erfuhr von mir über meine Eltern im Grunde gar nichts. Sie wusste nur, dass ich nicht bei ihnen aufgewachsen war. Wir hatten darüber jeweils nur einige knappe Worte gewechselt. Regina spürte meine geringe Bereitschaft, sie in meine Familiengeschichte einzuweihen. Das schien für sie eine unproblematische und respektable Sache zu sein. Denn sie hatte mich nie nach meiner Herkunft oder Details meiner Familiengeschichte gefragt. In der Folge hatte auch ich sie niemals zu ihrer Familie befragt.

Es ist erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit ich diesen schwarzen Punkt in unsere Beziehung eingebracht hatte. Für mich existierte das Thema Eltern in unserer Beziehung einfach nicht. Ich hatte nie das Bedürfnis darüber zu sprechen. Ich sah uns beide in unserer Studienausbildung, sah unsere Studentenwohngemeinschaften, unsere Freunde und unsere jeweilige Arbeit. Darin bestand unser gemeinsames Leben. Das war für mich alles. Dass aber die Eltern gefehlt hatten, die man sich in so einer Beziehung wie wir sie zu dem Zeitpunkt pflegten, wohl irgendwann einmal gegenseitig vorstellte, zu denen man Kontakt hatte, die folglich miterlebten, dass die Tochter sich in einer Partnerbeziehung befande, daran hatte ich nie gedacht.

Elternrelevante Termine, wie Weihnachten oder Geburtstag, hinderten mich nicht daran, das Thema weiterhin auszublenden. Ich hatte seit Jahren, auch schon vor Studienbeginn, als ich noch auf die Schule gegangen war, die Weihnachtstage alleine oder in der Wohngemeinschaft mit anderen Gestrandeten verbracht. Für mich war gar nicht daran zu denken, dass diese Zeit im durchschnittlichen deutschen Normalhaushalt gemeinsam mit Eltern zugebracht wurde. Ich fand es immer äußerst angenehm, dass in dieser Zeit so gut wie nichts los gewesen war. Keine Anrufe, keine unerwarteten Besuche, keine Autoreparaturaufträge, aber vor allem mal insgesamt Ruhe und keine Hektik auf den Straßen und Plätzen der Stadt. Die Hektik unserer stressgeplagten Gesellschaft fiel jedes Jahr in diesen Tagen in sich zusammen. Wo man sonst jemanden traf, z.B. im Café Notfall oder rund um die Uni, dort war plötzlich beinahe niemand mehr. Angenehm war das, richtig toll fand ich das. Und ich glaubte jahrelang tatsächlich, dass es allen Menschen so oder zumindest ganz ähnlich ginge. Oder besser, dass die meisten in dieser Zeit einfach viel Ruhe vor dem Alltag hatten, so wie ich.

Dass es die Zeit von Eltern und Familie war, dass Paare sich in dieser Zeit bei Ihren Eltern einfanden, dass in dieser Zeit regelrechte Familientribunale bei Braten und Alkohol abgehalten wurden, dass Paare ihre persönliche und wirtschaftliche Familienbilanz in diese Zeit bei ihren Eltern abzuliefern hatten, dass Unausgesprochenes zwischen Kindern und ihren Eltern in dieser Zeit besonders oft ausgesprochen wurde, weil man das ganze Jahr über nie mit so viel familiärem Erfolgsdruck im Genick auf seine Eltern traf, dass Eltern überhaupt erwarteten, dass die Kinder sich in dieser Zeit bei ihnen blicken ließen, all das war mir über viele Jahre einfach unbekannt geblieben.
Das alles war von mir so weit weg, wie die Vogelkundestunde im Sachkundeunterricht der zweiten Grundschulklasse. Es war quasi so, dass dieser mir eigentlich bekannte Vogel „Familientermin Weihnachten oder Geburtstag“, jedes Jahr aufs Neue zu Weihnachten aus seinem Sommerrevier herein geflogen kam. Er setzte sich jedes Mal irgendwo auf ein Fensterbrett. Dort begann er mit seinem ruhigen Gesang. Ich sah diesen Vogel jedes Jahr wieder und dachte mir, der kommt mir irgendwie bekannt vor, der singt ja ganz angenehm beruhigend vor sich hin, da kann man ja richtig zur Ruhe kommen. Mehr nicht, das war es. Das war für mich Weihnachten, das war für mich mein Geburtstag. Der unter dem hübschen Gefieder dieses Vogels versteckte Rest, diese ganzen Familiengeschichten und manchmal -dramen, all das, was ich in der Vogelkundestunde vor vielen Jahren mal über dieses Vögelchen gelernt hatte, war und blieb wie weggeblasen. Weihnachten und Geburtstag als Elterntermine waren mir entfallen.

Ich blendete diese Ebene genauso aus, wie die Idee, mit Regina zusammenzuziehen. Für mich und für sie war es niemals Thema, dass wir, anstatt in unseren getrennten Wohngemeinschaften zu wohnen, auch zusammen in eine Wohnung ziehen könnten. Das war eher für die Freunde Thema. Es war für die ein wunderbares Thema. Denn es war ein Punkt, an dem wir beide, nach außen erkennbar, nicht perfekt im Mainstream laufend, unterwegs gewesen waren. Wir machten schließlich fast alles miteinander. Die Zeit, welche die wenigsten Paare miteinander verbrachten, die aber die meiste Zeit des Tages beanspruchte, unsere Ausbildungen, verbrachten wir beide miteinander. Auch die Zeit unserer Jobs, zumindest meines Jobs, in dem ich meinen Lebensunterhalt verdiente, verbrachten wir jedes Wochenende in der Pforte der Fabrik miteinander. Abends sah man uns zusammen im Café Notfall. In den Semesterferien fuhren wir zwei, wie beim ersten Urlaub, gemeinsam mit befreundeten Paaren nach Italien, nach Spanien, wieder nach Griechenland, nach Frankreich, nach Sardinien, nach Korsika und zu weiteren Zielen. Wir lebten zusammengeklebt wie ein altes Paar, das seit vielen Jahren miteinander auskam. Aber wir wohnten nicht zusammen. Das dürfte deshalb genügend Thema für Freunde und Bekannte gewesen sein. Hin und wieder sprachen mich Mitbewohner aus der Wohngemeinschaft darauf an. Sie fragten, wann es denn nun soweit wäre. Ich antwortete darauf stets, dass Regina nicht schwanger wäre. Das war zwar nicht deren Frage, aber meine Antwort stimmte immer.
Sie fädelte ihre Frage und die Bitte ihrer Eltern so geschickt ein, dass mir zunächst nicht klar wurde, dass ich der Grund gewesen war, aus dem unsere Eltern bislang in der Beziehung ausgeklammert geblieben waren.
„Klar!“, sagte ich, „dass können wir gerne machen!“

Beide Eltern waren sehr ruhige, gelassene Menschen. Sie arbeiteten täglich in einem Bekleidungsgeschäft in der Innenstadt. Sie waren die Eigentümer des Ladens. Sie begrüßten mich nicht überschwänglich, aber herzlich. Beim Essen erzählten sie abwechslungsreiche Geschichten und die eine oder andere Anekdote aus ihrem Alltag im Laden. Dort verkauften Sie solide Herrenbekleidung an Geschäftsleute und Menschen, die sich teure italienische Anzüge leisten mussten oder einfach leisten wollten. Sie wirkten auf mich wie ihre Tochter: Ruhig und intelligent. Ihre Geschichten aus dem Laden erzählten sie nicht wichtig, sondern alltäglich.

Bei der ersten Begegnung fühlte ich mich aus drei Gründen verunsichert. Erstens bin ich in solchen neuen Situationen immer unsicher. Das war ich, obwohl mich Regina, so gut sie konnte, vorbereitet hatte. Zweitens war das Thema Bekleidung etwas, worauf ich noch nie in meinem Leben ein Augenmerk gesetzt hatte. Ich versuchte, mich stets unauffällig zu kleiden. Dabei hatte ich immer mein sehr begrenztes Budget im Blick. Der Automechanikerjob brachte es manchmal mit sich, dass ich auf dem Weg zur Uni schnell noch ein Schräubchen hier und eine Mutter da anzuziehen hatte, was manchmal auf noch neueren Hosen zu unschönen Ölflecken führte. Die Hosen trug ich auch in der Hochschule. Drittens fürchtete ich, dass Reginas Eltern sich nach meinen Eltern erkundigen könnten.

Keine meiner drei Befürchtungen brachten mich an dem Sonntagnachmittag bei Reginas Eltern in Erklärungsnotstand oder gar Schwierigkeiten. Ich glaubte, dass die Eltern entweder von Regina entsprechend vorbereitet worden waren oder dass sie, genauso wie Regina es getan hätte, von sich aus diese Punkte gezielt ausgespart hatten. Wie auch immer, es war ein gutes und interessantes Erlebnis, ihre Eltern kennen zu lernen.

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