21. Gespräche an der Oberfläche

Fast jeden Abend trafen wir im Café Notfall auf viele Freunde. Dort besprachen wir alle möglichen Themen, die im Laufe eines Studentenlebens einen Menschen beeindruckten. Vielfach waren das Studieninhalte, die in Form einer thekenspezifischen Ableitung wiedergekäut wurden. Das war eine unbeschreibliche Kommunikation. Sie wirkte intellektuell, war es aber nicht. Was ich sah und hörte war wohl eine Art von Kommunikation, wie sie eben in einem Café gepflegt wurde, das in den Szeneblättern der Stadt regelmäßig Erwähnung fand.

Es gab dort offene Menschen, es gab Intellektuelle, es gab eine ganze Anzahl von Blendern, es gab sehr viele Redner, es gab eine Gruppe gestrandeter Journalisten, es gab Musiker, Künstler, Lebenskünstler, echte Künstler, Kunstliebhaber, und es gab uns beide. Mein Gefühl war, dass Regina hier perfekt hineinpasste. Über mich selbst dachte ich oft, dass ich in diese Szene mit ihr irgendwie hineingerutscht war. Und ich dachte daran, dass ich in dieser Kneipe früher ganz andere Menschen getroffen hatte. Das war am Anfang gewesen, als ich neu in diese Stadt gezogen war, um meine Schule zu besuchen, um meinen Schulabschluss zu erwerben, was mir schließlich zum Glück auch gelungen war. Wo waren diese Menschen geblieben? Das fragte ich mich immer seltener.

Die neuen Freunde im Café Notfall waren und blieben Reginas Freunde und Bekannte. Ich lief dort unter ihrem Namen irgendwie mit. Im Gegensatz zu früher konnte ich mich in dieser Kneipe nicht wirklich wieder finden. Trotzdem fühlte ich mich irgendwann dort wieder wohl. Mich auf einem Bild zusammen mit Regina in dieser Kneipe zu sehen fiel mir immer leichter. Eines Tages war mir das sogar angenehm geworden. Ich profitierte von ihrer Präsenz, ihrer Ausstrahlung und ihrem Niveau, das ich in dieser Kneipe über die Jahre bei keiner anderen Person in dieser Vielfalt gesehen hatte.

Besonders wichtig war mir in meiner Rolle in dem Bild neben Regina, dass ich meine Selbstkontrolle behielt. Niemals hätte Regina auch nur einen Hauch von Macht über mich, oder das Ansinnen, ihre intellektuelle Überlegenheit mir gegenüber auszuspielen erkennen lassen. Das erleichterte alles.
Den Freunden im Café Notfall war es ganz sicher nicht entgangen, dass ich ihr im Grunde in keiner Beziehung das Wasser reichen konnte. Die Art, wie wir beide miteinander umgingen, trug jedoch nicht dazu bei, dass irgendeiner dieser Freunde dieses Ungleichgewicht nutzen konnte, um eine Störung in unserer Beziehung zu verursachen. Ganz sicher gab es sehr viele, die sich für Regina interessiert hatten. Niemals aber habe ich es erlebt, dass sie auf deren Signale entgegenkommend reagiert hätte. Sie nahm diese Signale sehr wohl wahr. Doch sie hatte sich ihren Partner bereits ausgesucht. Diese Wahl hatte sie gezielt getroffen und dazu stand sie. Wir haben nie darüber gesprochen, wie das eigentlich bei ihr gewesen war, an dem Tag, als sie die Türschwelle zu dem Seminarraum überschritten hatte, um auf mich zu zugehen.

Im Café Notfall interessierte mich stets besonders die Gruppe der gestrandeten Journalisten. Das waren drei Leute, die allesamt an der Journalistenschule gescheitert waren. Trotzdem, so behaupteten sie zumindest von sich selbst, hatten sie den Beruf ergriffen. Das fanden wir interessant.

Sie waren alle Drei von der Journalistenschule abgewiesen worden, nannten sich deshalb einfach freie Journalisten und hatten alle Drei stets irgendwelche angeblich wichtigen Aufträge von Blättern, für die sie in der Stadt recherchierten. Wir beide waren für die Drei deshalb interessant, weil wir nach deren Ansicht so unterschiedlich wie die Welt waren. Keiner von den Dreien konnte mir erklären, was damit gemeint war, ebenso wenig konnten sie mir die Welt auch nur ansatzweise erklären.

Nach vielen langen und alkoholischen Gesprächen an deren Tisch begriff ich, dass sie als Grundlage in ihrem Job vor allem die genaue Recherche sahen. Danach erst kam der Artikel, der im Grunde die geringste Arbeit darstellte. Da verstand ich, dass sich Regina mit ihrem Dozenten-Buch-Verlags-Job eine optimale Tätigkeit gesucht hatte. Denn die Recherche, das gesamte Material, alle Themen lieferten ihr die Dozenten fein säuberlich geordnet an. Sie musste daraus nur noch neue-, vor allem nach Innovation riechende Konzepte zusammenzimmern. Die baute Regina schlüssig auf. Das Beste daran aber war wohl, dass die Konzepte schließlich nicht von ihr oder den Dozenten umzusetzen waren, sondern von den Praktikern, die sich diese Bücher kauften, weil sie sich von ihnen genau solche Konzepte erwarteten. Ob die Konzepte wirklich umsetzbar waren oder funktionierten schien dabei nicht von Interesse zu sein. Wichtig aber war, dass die Texte genau das Funktionieren glaubwürdig und schlüssig wiedergaben.

Regina bemächtigte sich eines Teils der Kompetenz der Gestrandeten. Gegen ein Honorar, das ein Bruchteil ihrer Vergütung durch die Dozenten im Buchverlag darstellte, vergab sie an die Drei befristete Rechercheaufträge zu Themen, die sie für den Dozenten-Buch-Verlag bearbeitete. Das zeigte mir neben all ihren Fähigkeiten, die ich an ihr kennen gelernt hatte, dass sie zudem auch noch geschäftstüchtig war. Eine Kompetenz, das bewiesen meine wirtschaftlich erfolglosen Autobasteleien, die mit völlig fremd geblieben war.
Regina traf sich über mehrere Semester immer wider mit den Gestrandeten. Zum Schluss war von denen nur einer übrig geblieben. Die anderen beiden hatten ihre Journalistenschulbemühungen erfolgreich neu aufgelegt, und waren von da an in ihrer Ausbildung verschwunden.
Der Übriggebliebene war Holger. Er übernahm regelmäßig Aufträge von Regina. Daneben arbeitete er angeblich bei einem der Szeneblätter der Stadt. Ich sah das mit Zweifeln, denn ich kaufte mehrfach das Blatt, über das er stets sprach, fand darin aber nie einen Artikel von Holger.

Regina erklärte mir den Zweck ihrer Aufträge an Holger immer genau. Es ging meist darum, und das fand ich am Anfang dieser Aufträge unglaublich, dass sie sich auf Grundlage einer neutralen Recherche der Richtigkeit bestimmter Inhalte der Bücher des Verlages vergewissern wollte. Ihr Wirken an den Büchern brachte es nämlich mit sich, dass auch sie namentlich in deren Autorenverzeichnis aufgenommen wurde. Sie wiederum erkannte bei aller Freude darüber, dass sie bei weitem nicht die Kompetenz besaß, wirklich zu beurteilen, ob alle Inhalte, die sie auf Grundlagen der Dozentenvorgaben formulierte, auch stimmig waren. Also nutze sie die journalistischen Fähigkeiten, die Holger zweifellos hatte, um bestimmte Fragen und Themen abklären zu lassen. So wollte sie für sich einen kleinen Schutz installieren. Sie wollte der Gefahr begegnen, dass in irgendeinem der Bücher, definitiv falsche Inhalte von ihr aufbereitet wurden. Für mich war das schier Unglaubliche, dass sie im Grunde daran arbeitete, ihre spätere Karriere nicht durch derartige Fehler in den veröffentlichten Praxisbüchern zu gefährden oder zumindest schon frühzeitig zu beschädigen. Ihr Vertrauen in das Wissen ihrer fünf Dozenten im Buchverlag sah Regina durch diesen Sicherheitstrick, wie sie das damals genannt hatte, nicht gefährdet.

Tatsächlich lieferte Holger hin und wieder wertvolle Erkenntnisse bei ihr ab. Auch da hatte Regina eine Sicherheitsschraube eingebaut. Holger war von ihr mit einem Honorarvertrag ausgestattet worden, den sie zuvor in mehreren juristischen Seminaren gleich von mehreren Professoren auf juristische Aktualität und Wasserdichte hatte prüfen lassen. Es gab keine Möglichkeit für Holger, aus seinen Aufträgen von Regina, während der Recherche oder danach noch weiteren Profit zum jeweiligen Thema herauszuschlagen. Er war hundertprozentig an den Auftrag gebunden. Sein Beitrag spielte für die Buchveröffentlichungen keine Rolle. Selbst, wenn er einen Skandal gefunden und aufgedeckt hätte, wäre nicht er derjenige gewesen, sondern seine Auftraggeberin.

Holger fand nie einen Skandal. Was er fand, waren Daten und Fakten, die in manchen Büchern an einigen Stellen zu Korrekturen führten, weil sonst Themen und Bereiche unzulässig miteinander verschränkt worden wären. Er trug so dazu bei, dass die trockene Materie der Theorie und deren Grundlage an mehreren Stellen von Regina berichtigt werden musste. Seine Arbeit hatte aber auf keines der Praxiskonzepte wirklich eine Auswikung.
Holger arbeitete immer sauber, zuverlässig und fristgerecht. Alle Verträge erfüllte er stets korrekt. Deshalb hielt Regina bis zum letzten Semester an der Zusammenarbeit mit Holger fest. Am Ende des Studiums veröffentlichte Regina ihre Magisterarbeit in einem Buch des Verlages. Selbst für diesen eigenen Auftrag hatte sie noch Holger eingesetzt, dem sie wertvolle Recherchen anvertraut hatte.

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