Die Jahre des Studierens liefen perfekt organisiert beinahe wie selbstverständlich vor sich hin. Wir hatten unser Leben ideal aufeinander abgestimmt. Regina und ich arbeiteten während der Semester jedes Wochenende in der Pforte der Fabrik miteinander an den Themen der anstehenden Semesterprüfungen, schrieben an Seminararbeiten und besprachen die Inhalte der zurückliegenden Studienwochen. Das konnten wir dort beinahe ungestört tun. Keiner der Mitarbeiter der Fabrik störte sich daran, dass die Pforte am Wochenende stets von uns beiden besetzt war. Die Firmenleitung, von der am Wochenende meist sonntags mehrere Vertreter in ihren Büros zur Arbeit erschienen, fand es sogar gut, dass wir die Zeit in der Pforte gemeinsam sinnvoll nutzten, anstatt sie totzuschlagen.
Dass Regina in der Fabrik gar nicht angestellt war, interessierte die Chefs nicht. Der oberste Chef selbst ließ für uns zwei ausgemusterte Computer in das Pförtnerbüro stellen, an denen wir am Wochenende an unseren Hausarbeiten schrieben und Regina ihre Texte redigierte. Unsere Daten brachten und sicherten wir auf Disketten und nahmen sie wieder mit nach Hause. Der Chef fühlte sich durch uns an seine eigene Studienzeit erinnert. Er meinte, dass diese Arbeit hier in der Pforte wohl optimal sei, neben einem Studium, und dass er alles dafür tun wollte, dass wir möglichst an der Sache dran blieben. Damit meinte er sowohl das Studium, aber auch den Job am Wochenende an der Pforte in seiner Fabrik. Wir sollten uns bei ihm melden, wenn wir eine Idee hätten, wie er die Verbindung des Studierens mit dem Pförtnerjob noch verbessern könnte.
Regina entwickelte im Laufe der Jahre einige Ideen. Der Chef ging darauf so weit ein, dass schließlich regelmäßig Studierende verschiedener Fachrichtungen in unterschiedlichen Bereichen der Fabrik, von der Personalabteilung über das Controlling bis zum Maschinenbau ihr studienbegleitendes Praktikum dort absolvierten. Die alten Computer der Firma wurden nicht weiterverkauft, sondern an Studenten über einen Service, den Regina zusammen mit Holger organisierte, zur Erarbeitung von Diplom- und Magisterarbeiten verliehen. Das war bis Mitte der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre ein attraktives Angebot, weil die Preise dieser Geräte für die meisten Studenten unbezahlbar waren. Studentische Arbeiten wurden bis Ende der Achtziger Jahre überwiegend auf Schreibmaschinen, gelegentlich auf so genannten Schreibcomputern geschrieben. Der Computerverleih war der Renner. Der Chef war begeistert von Reginas Ideen und Tatendrang.
Meine eigentliche Arbeit in der Pforte bestand darin, alle drei Stunden einen zwanzig Minuten langen Rundgang durch die Firma zu absolvieren. Im Falle eines von mir auf dem Rundgang entdeckten Schadens hätte ich gemäß einem Alarmplan die Einsatzkräfte zu alarmieren gehabt. Dazu kam es nie. In der Fabrik wurde auch am Wochenende mit einer reduzierten Schicht von Arbeitern rund um die Uhr produziert. Deshalb wurden Schäden und andere Vorkommnisse immer durch den diensthabenden Vorarbeiter direkt gemeldet und geregelt. Die mit mir besetzte Pforte und meine Rundgänge durch die Fabrik hatten im Grunde eine reine Alibifunktion. Es ging darum, dass einige für die Fabrik bestehende Versicherungen, die Rund-um-die-Uhr-Besetzung der Pforte und die Rundgänge erforderten.
Regina erledigte beinahe ihre gesamte Arbeit für den Buchverlag samstags und sonntags in der Pforte. Sie hatte, genauso wie ich, in ihrer Wohngemeinschaft keinen Computer. Diese Geräte waren für uns beide unerschwinglich. In der Uni gab es sie natürlich, dort konnten wir sie regelmäßig benutzen. Unsere Disketten bearbeiteten wir nach den Seminaren in der Uni weiter. Da war Regina ihren Dozenten technisch gesehen weit voraus. Keiner von ihnen konnte seine Texte mit einem Computer bearbeiten.
Ihre Arbeit für den Buchverlag erledigte sie damals mit modernsten Mitteln. Sie nutzte die an der Uni frisch installierten Computer und Scanner, um von studentischen Hilfskräften sämtliche Texte einlesen zu lassen. Diese wiederum bearbeitete sie am Wochenende in der Pforte und während der Woche in der Uni. Sie organisierte eine studentische Hilfskraft, die alle Fehler, die der Scanner und seine mangelhafte Software produzierten, zunächst grob korrigierte. Diese Fassungen bearbeitete Regina danach weiter. Sie fand für den Buchverlag eine Druckerei, die aus den unformatierten Texten die Druckvorlagen fertigte. Das war ein neues, sehr effektives und damals unglaublich modernes Vorgehen.
Regina baute das zu einem regelrechten Texte-Produktionsverfahren aus. Das Verfahren erklärte sie schnell, nachvollziehbar und überzeugend den Dozenten. Regina sammelte mit diesem Verfahren wichtige Punkte, denn damit bewies sie ihre Geschäftstüchtigkeit. Das Erscheinen des ersten Buches bestätigte Reginas Arbeit nicht nur durch seinen aufbereiteten Inhalt, sondern auch durch seine Qualität und seine im Vergleich sehr günstigen Produktionskosten.
Der Verkauf verlief dank einer Werbekampagne, die Holger gestaltete und organisierte, so gut, dass die zweite Auflage schon nach einem halben Jahr produziert werden konnte. Das Projekt insgesamt war mehr als nur Kosten deckend. Die Rückmeldungen waren teils begeistert, teils überschwänglich, doch das Wichtigste waren respektvolle Erwähnungen in einigen Fachzeitschriften. Das Buch und die Idee dahinter, eine Verknüpfung mit der Praxis zu erreichen, waren erfolgreich. Bis zum Studienende begleitete Regina noch vier weitere derartige Projekte. Sie liefen alle nach dem gleichen Erfolgskonzept ab und wurden durchgängig rentabel produziert. Alle fanden, wie das erste Buch, ihren Platz in den entsprechenden Fachzeitschriften.
Die Art und Weise, wie wir zusammenlebten und zusammenarbeiteten, zog sich das gesamte Studium hindurch. Deshalb waren für mich die Abschlussprüfungen einschließlich der Magisterarbeit im Grunde keine wirklich erwähnenswerten Herausforderungen. Alle vorherigen Prüfungen waren für mich stets mit Grenzerfahrungen verbunden gewesen. Aufregung, die früher immer da gewesen war, fehlte bei dieser Prüfung völlig. Ich hatte alles, was ich wissen musste im Kopf. Erreicht hatte ich das durch unglaublich disziplinierte Kontinuität, mit der ich über Jahre hinweg jedes Wochenende gemeinsam mit Regina in der Pforte der Fabrik zusammengearbeitet hatte. Die Sicherheit mit der ich zum Schluss das Studium meisterte und beendete, war zu einem einmaligen Ereignis geworden. Was da geschah hatte es für mich zuvor nie gegeben und es wiederholte sich danach nie mehr. Über Jahre hatte ich kontinuierlich das Wissen welches mir im Studium geboten wurde, in mich aufgesogen und am Wochenende regelmäßig mit Regina weiterverarbeitet. Deshalb musste ich mich auf Semesterprüfungen immer weniger vorbereiten. Vorbereitung fand permanent statt. Eine Prüfung war nicht mehr im bisherigen Sinne eine Prüfung, sondern sie war ein Routinecheck, an dem alles wiedergegeben und erneut verarbeitet wurde, was bekannt war. Prüfung war zur Alltäglichkeit geworden, das war das nervenschonend und befreiend.
Am Ende des Studiums gab es eine rauschende Feier. Mit dem ASTA zusammen organisierten wir eine Riesenparty, die vom frühen Abend bis in den späten Vormittag des nächsten Tages hineinreichte. Das Fest wurde von den Dozenten des Buchverlages reich unterstützt. Selbst der Chef aus der Fabrik ließ es sich nicht nehmen, auf dem Fest zu erscheinen. Von Regina war eingefädelt worden, dass er dem Dekan einen Spendenscheck seiner Fabrik für die Anschaffung neuester Computertechnologie für die Uni überreichte. Holger hatte einen riesigen Presserummel organisiert, der die Scheckübergabe und das Fest herausragen ließ, als sei es kein Studienabschlussfest, sondern ein Uni-Fest zur Millionenspende der Fabrik, obwohl es nur zehntausend Mark gewesen waren.
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