Am nächsten Tag nach dem Abschlussfest besuchte ich Regina zum letzten Mal in ihrer Wohngemeinschaft. Es war ein sehr kühler, verregneter Sommertag. Deshalb kochte Regina Tee. Ich ließ mich auf dem Sofa in ihrem Zimmer nieder und blickte durch den Raum, der bei dem Regenwetter beinahe wie im Herbst wirkte. Ich sah mir alles nochmal genau an. Ich ließ meine Augen vom Fenster über das Bett zum Schreibtisch über den Schrank, die Kommode zu den Bildern an der Wand gleiten. Ich saß sehr ruhig da, sehr gelassen, atmete langsam aber tief durch, entspannte mich bei dem ersten Schluck Tee. Ich sagte lange nichts, denn ich wusste, dass es der letzte Tag sein würde, an dem ich in ihrem Zimmer auf ihrem Sofa saß.
Dort hatten wir beide gemeinsam über die Jahre schon oft gesessen, denn wir trafen uns meist bei Regina, bevor wir ins Café Notfall gingen. Das Café lag nur wenige Straßenzüge von ihrer Wohnung entfernt. Auf dem Sofa neben mir sitzend, hatte mir Regina so manchen Plan und manches Vorhaben erläutert, über dem sie gerade mit ihren Buchprojekten brütete. Manchmal konnte ich ihr den ein oder anderen nützlichen Tipp oder eine gute Anregung geben. Oft habe ich in diesem Zimmer bei ihr übernachtet. Wir liebten uns immer nur dort, denn mein Wohngemeinschaftszimmer, vor allem aber mein Bett, war viel zu klein. Seit Wochen hatte ich nicht mehr bei ihr übernachtet.
Renia setzte sich mit ihrer Teetasse auf die Bettkante, gegenüber dem Sofa. Das war ganz anders als sonst. Wir beide hatten uns in diesem Zimmer nie gegenüber gesessen. Wir saßen immer dicht beieinander auf dem Sofa. Sie schwieg. Ich blickte jetzt langsam durch den Dampf meiner Teetasse, die ich mit beiden Händen hielt, zu ihr hinüber an das Bett.
Da sah ich sie wieder, die Frau die strahlend durch die Tür des Seminarraumes in der zehnten juristischen Vorlesung trat, um sich herum blickte und schließlich gezielt auf mich zukam. Ich sah sie, wie sie das erste Mal samstagmittags bei mir in der Pforte der Fabrik erschien, mit ihrem Fahrrad war sie dorthin gefahren. Aus ihrem Fahrradkorb nahm sie einen kleinen Picknickkorb mit dessen Inhalt sie in der winzigen Teeküche ein Mittagessen zubereitete. Ich sah sie, wie sie zum ersten Mal mit dem Chef in der Fabrik sprach, der daraufhin zwei alte Computer für uns beide in die Pforte schaffen ließ. Ich sah sie, wie sie im Urlaub trampend allein am Straßenrand stand und wie sie dem verdutzten Fahrer in perfektem Englisch versicherte, dass auch ich, ihr Husband mitfahren würde.
„Wie lange läuft das schon?“ Ich fragte das sehr leise und blickte ihr dabei direkt in die Augen.
„Seit einem dreiviertel Jahr.“
Sie sah mich nicht an. Sie blickte vor sich auf den Teppichboden. Sie wirkte dabei wie erstarrt. So hatte ich sie noch nie zuvor gesehen.
Ich wandte meinen Blick von ihr ab. Sah hinüber zum Fenster. Dort beobachtete ich sekundenlang die Wasserperlen, wie sie sich langsam in Bewegung setzten, sich mit darunter liegenden Perlen vereinten, um schließlich so schwer zu werden, dass sie in schnellem Tempo nach unten rollten. Ich wandte mich jetzt wieder in ihre Richtung. Unsere Blicke trafen sich in Höhe ihres Schreibtisches.
„Wie machen wir jetzt weiter Regina?“
Ich spürte, dass meine Stimme ihre Ruhe verloren hatte. Ich bemerkte in ihr ein leichtes, sehr verunsicherndes Beben. Die innere Ruhe, die mein Körper zuerst aufnahm, indem ich mich sehr langsam auf dieses Sofa gesetzt hatte, war verschwunden. Der Tee stand neben mir auf dem Tischlein. Er würde mich beruhigen. Doch ich traute mich jetzt nicht, zur Tasse zu greifen, weil ich fürchtete, so sehr an den Händen zu zittern, dass ich den heißen Tee verschüttete.
Meine Unruhe betraf Regina. Sie hatte mich nie belogen. Sie hatte alles in unserem Leben zu steuern gewusst, ohne dabei zu lügen. Sie brauchte die Lüge in ihren Worten nicht, denn sie regelte alles, auch das Komplizierteste und Widersprüchlichste, ohne Worte der Lüge. Jetzt war sie mir in die Falle getappt, an unserem letzten gemeinsamen Tag. Denn ich hatte mal wieder gefragt, was ich schon wusste. Das hatte ich sehr lange Zeit nicht mehr getan.
Schweigen von Regina hatte mir stets gesagt, dass ich meine Frage selbst beantworten konnte. Beim Lernen mit Regina in der Fabrikpforte hatte sie immer geschwiegen, wenn ich ein Thema ansprach und dazu eine Frage stellte, von der sie meinte, dass ich die Antwort selbst wusste. Sie musste nur lange genug schweigen. Tatsächlich kam die Antwort meist binnen weniger Minuten aus mir heraus. Das war ihre wunderbare Methode, die es mir ermöglichte, alles aus mir herauszuholen, was ich wusste. Durch sie bemerkte ich erst, dass ich fast alles selbst wusste, wonach ich sie fragte.
Gleiches bedeutete ihr Schweigen jetzt auch. Deshalb fragte ich mich in der Ruhe unseres Schweigens, was ich alles wusste. Ich wusste das, was ich gerade gefragt hatte selbst. Ich wusste, dass es nicht weiter gehen würde mit uns beiden. Ich wusste, als ich dieses Zimmer betrat, dass es das letzte Mal sein würde. Ich wusste, dass wir beide uns nie mehr an die Hand nehmen würden, dass wir uns nie mehr küssen würden, dass wir uns nie mehr lieben würden. Ich wusste, dass wir nie mehr miteinander lernen würden, in der Pforte arbeiten würden und dass wir keinen Urlaub mehr miteinander verbringen würden.
Ich saß auf dem Sofa, schloss meine Augen, denn ich spürte, dass da Tränen waren, die raus wollten. Ich versuchte sie aufzuhalten, das gelang mir aber nicht. Deshalb nahm ich jetzt die Taschentücher vom Tisch neben dem Tee. Dabei bemerkte ich, dass meine Hände wieder ruhig geworden waren. Deshalb nahm ich die Teetasse wieder in beide Hände und trank einige Schlucke.
„Warum Holger?“
Meine Stimme zitterte, obwohl ich sie mit dem Tee geölt hatte. Ich brachte die beiden Worte meiner Frage kaum heraus. Ich dachte daran, Weiteres zu fragen. Ich wollte einfach das fragen, was in solchen Situationen vielleicht üblich wäre. Mir fielen die Fragen „warum gerade er?“, und „was hat er, was ich nicht habe?“, ein. Doch ich fragte nicht weiter. Ich saß und schwieg erneut. Ich wusste, dass ich auch das bereits wusste, was ich sie nicht mehr fragte. Es geschah das erste Mal an diesem, unserem letzten Tag: Ich nahm mir vor, nicht mehr nach den Dingen zu fragen, die ich bereits wusste.
Holger war attraktiv, intelligent, selbstbewusst und sehr aktiv. Er war ein hoch agiler, in meinen Augen manchmal beinahe hyperaktiver Intellektueller. Was er organisierte, hatte Hand und Fuß. Wo er auftrat, scharten sich die interessierten Menschen. Interesse der Menschen weckte er, indem er letztlich durch gezielte Kampanien für deren Interesse sorgte. Mit erstaunlichem Erfolg schaffte es Holger, die Menschen nicht merken zu lassen, dass ihr vermeintliches Interesse in Wahrheit seines war. Er war ein Demagoge, wie er im Buche stand. Ihm verfielen alle, denn er konnte gar nicht anders, als alle von sich zu überzeugen.
„Warum gerade er?“
Ich blickte sie bei dieser Frage wieder an, aber sie wich meinem Blick aus. Sie wandte ihn zum Fenster, wo inzwischen alle Perlen verschwunden waren, weil der Regen so stark geworden war, dass die Tropfen wie kleine Bächlein an der Scheibe hinunterliefen, ohne dass sich zuvor Perlen bilden konnten.
Holger hatte schon lange Zeit vorher mit ihr geschlafen. Es ging schon seit Jahren, dass die beiden sich liebten. Ich wusste das seit der ersten Begegnung mit den gestrandeten Journalisten im Café Notfall. Ich sah sie auf der Bettkante mir gegenüber sitzen, wie sie zum Fenster hinüber blickte. Sie saß im Café Notfall am Tisch und sog die Signale von Holger aus der Gruppe der drei Gestrandeten auf. Holger war nicht zufällig der übrig gebliebene aus dieser Gruppe. Es war kein Zufall, dass er nicht genauso verschwand wie seine beiden Freunde. Seine Bewerbung an die Journalistenschule, sein Erfolg, den er dort in Wahrheit hatte, war für ihn nicht, wie bei den beiden anderen, Anlass von der Bildfläche zu verschwinden.
„Was hat er, was ich nicht habe?“
Regina blickte zu Boden auf den Teppich vor dem Bett. Ich sah am Fenster, dass die einzelnen Bahnen des Regens verschwunden waren. Es war draußen dunkel geworden, weil ein schweres Gewitter über der Stadt lag. Der Regen schlug gegen die Scheibe, so dass keine Bahnen mehr zu sehen war, sondern die Scheibe sah aus wie eine einzige Wasserbahn, über die, wie in einem glatten Bach, der Regen hinunterlief.
Holger hatte alles. Das war sehr viel. Es war vor allem das, was ich nicht hatte. Es war das, was Regina über viele Jahre von mir nicht bekommen hatte. Holger war derjenige, dessentwegen ich jahrelang im Anschluss an das Café Notfall, morgens um drei Uhr nach Hause in meine Wohngemeinschaft gefahren war. Holger war der, über den wir nie sprachen, der aber seit der ersten Begegnung im Café Notfall immer präsent geblieben war.
„Warum?“
Das war meine letzte Frage. Auch sie konnte ich selbst beantworten. Draußen auf der Scheibe war jetzt eine Veränderung eingetreten. Der Regen hatte an Schärfe verloren. Es schlugen wieder einzelne Tropfen gegen die Scheibe. Jetzt sah ich die Perlen endlich wieder. Das Schauspiel begann erneut. Die Perlen liefen langsam hinunter, sie verbanden sich mit weiteren Perlen, so dass ihr Gewicht sie schnell nach unten trieb. Unten auf dem Fensterbrett zerplatzten sie.
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