24. Urlaubsplanung

Die Wohngemeinschaft war mein neues altes Zuhause geworden. Dort verkroch ich mich tagelang. Ich lag auf dem Bett, hörte laute Musik und sinnierte wie früher über mich und mein Leben.

Am Samstag und am Sonntag schlug ich zum ersten Mal in der Pforte der Fabrik die Zeit tot. Ich saß am Tisch vor den beiden ausgeschalteten Computern und erlebte den Raum um mich herum völlig verändert. Es war eine Stille eingetreten, die mich mit den Stunden mehr und mehr in eine fremde Welt hineinzog. Obwohl ich die Welt um mich herum bestens kannte, weil sie mir seit Jahren vertraut geworden war, traf ich in ihr nun, an vertrautem Ort auf Unbekanntes, Befremdendes. Das verunsicherte mich, denn die neue Fremdheit in alter Umgebung war so anders gewesen als das, was ich bislang kannte.

Es weckte in mir keine Neugierde. Es ging nicht darum entdeckt zu werden. Das, was ich in der Pforte nun empfand weckte keine Impulse in mir, ich wollte es nicht erforschen. Gefühle die gar nicht erforscht werden wollte, die nicht gefunden werden wollten, die am liebsten nicht vorhanden sein wollten. Wenn es nach mir ginge, so dachte ich nach Stunden an meinem Arbeitsplatz in der Fabrik, dann wünschte ich, dass alles wieder so wäre, wie es noch vor zwei Wochen gewesen war.

Kein Anruf von Dozenten, die mit Regina über den Verlauf ihrer Arbeit an einem Text sprechen wollten. Keine studentische Hilfskraft, die eine Diskette mit korrigierten Texten vorbeibringen wollte. Kein Student aus dem AStA-Büro, der ein organisatorisches Detail wegen des Abschlussfestes klären wollte. Niemand wollte sich in die Warteliste des Studentischen Computerverleihs eintragen lassen. Nichts geschah, einfach nichts. Schließlich vermisste ich sogar den Anruf von Holger, der Regina begeistert davon berichtete, von wie vielen Presse- und Medienleuten er definitive Zusagen für das Abschlussfest an der Uni erhalten hatte, und der vorschlug, eine extra Lounge auf dem Fest für Redakteure und Journalisten einzurichten.

Ich schaltete beide Computer in der Pforte ein, nur um deren Surren zu hören. Endlich ein vertrautes Geräusch in diesem Raum. Das Surren von zwei Lüftern der Computer. Jetzt brauchte ich es, um ein winziges Detail wieder herzustellen. Ich brauchte es, um ein Weniges an meiner Situation, an meinem mir jetzt endlos lang scheinenden Arbeitstag, richtigzustellen. Aber schon nach Minuten fehlte mir das Geräusch des Tippens auf der Tastatur. Es fehlte dieses vertraute schnelle Tippen von ihr, diese Leichtigkeit, mit der sie die Tastatur bearbeitete, um ihr einen Text zum Thema eines Buchkapitels zu entlocken, den sie mir später als ihrem erstem Leser bekanntmachte.

Mittags kochte ich zum ersten Mal nur das, wofür die winzige Küche eigentlich vorgesehen war. Ich machte mir Tee, obwohl draußen längst wieder die sommerliche Sonne schien. Ich spürte trotzdem eine Kälte in mir, die ich glaubte, mit Tee vertreiben zu könnten. In der Küche stieß ich auf unsere Gewürze in der oberen rechten Ecke eines Hängeschrankes, die wir beide uns dort einrichten durften. Schließlich lehnte ich mich an die Wand der Küche vor dem offenen Gewürzschrank, schloss die Augen und hörte das Gurgeln des Wassers im Wasserkessel auf dem Herd. Ich sog den Geruch des Wasserdampfes und der Gewürze aus dem offenen Regal ein. Da sah ich sie, wie sie in der engen Küche vor dem Herd stand. Sie rührte in einem Topf und einer Pfanne und erzählte von einem wunderbaren Rezept, das sie heute einfach einmal ausprobieren wollte. Es ginge ganz schnell und benötige nur Topf und Pfanne, man könnte das tatsächlich in dieser Puppenküche machen. Ich sah sie, wie sie mir von der Seite vor dem Herd zulächelte und mir schließlich einen leichten Kuss auf die Wange gab. Ich roch sie ganz nah bei mir und glaubte schließlich, ihren Atem neben meinem linken Ohr zu hören und zu spüren.

Es klingelte ein Telefon. Das läutete schon länger. Ich nahm den Wasserkessel vom Herd und ging mit ihm und meiner Teetasse in das Pförtnerbüro. Ich stellte alles dort auf den Untersetzer auf den hohen Thekenschrank, setzte mich an den Pförtnerschreibtisch und hob den Hörer ab.

Der Chef vermeldete, dass er dieses Wochenende nicht ins Büro kommen werde, weil er in der Schweiz auf Geschäftsreise sei. Er bedankte sich für die große organisatorische Leistung des Universitätsfestes insgesamt, vor allem aber für die feierliche Atmosphäre und die Dankesreden, mit denen er bei der Scheckübergabe an den Dekan bedacht worden war. Er wolle gerne mit Regina persönlich sprechen, denn ihm sei klar, dass die pompöse Ausrichtung des Festes bezüglich der Scheckübergabe letztlich wohl ihr zu verdanken sei. Ich enttäuschte den Chef, sagte ihm lapidar, dass Regina heute leider verhindert sei. Er trug mir auf, seinen Dank weiterzugeben. Schließlich dankte er auch mir und wünschte uns beiden einen wunderschönen, erholsamen Urlaub. Den hätten wir uns nach den Anstrengungen der Prüfungen, der schriftlichen Arbeiten und der gigantischen Organisation des Abschlussfestes ja redlich verdient. Ich bedankte mich für seine Wünsche und verabschiedete mich für die kommenden sechs Wochen.

Meine Urlaubsvertretung an den kommenden Wochenenden wurde von einer Firma organisiert, die auch für die Nachtschichten an der Pforte zuständig war. Regina und ich hatten einen sechswöchigen Urlaub nach Griechenland geplant. Wir wollten eine Reise antreten, die eine ganz ähnliche Route haben sollte, wie unsere erste gemeinsame Reise mit den beiden befreundeten Paaren. Wir hatten uns vorgenommen, die interessantesten Stationen von damals noch mal abzuklappern. Wir wollten sehen, was sich seitdem dort verändert hatte und wir wollten versuchen, auf Leute zu treffen, die wir damals getroffen hatten. Regina erzählte mir sogar, dass sie sich vorstellen könnte, darüber ein kleines Buch zu machen. Veränderungen, die nach Jahren an einem Ort eingetreten sind, Menschen wieder zu begegnen, die man vor Jahren getroffen, und mit ihnen Zeit verbracht hatte, das sei doch interessant für eine winzige Studie. Ich fand diese Idee auch interessant. Gemeinsam studierten wir vor Monaten die Landkarte um die grobe Route abzustecken. Mehr Reisevorbereitungen hatten wir nicht getroffen. Einzig die Urlaubsvertretung für die Fabrikpforte hatte ich organisiert.

Das Thema Urlaub hatten wir beide nicht weiter besprochen. Im Vordergrund standen die Abgabe unserer Abschlussarbeiten und die Organisation des Abschlussfestes. Die Frage, wie es mit dem Job an der Pforte für mich weitergehen sollte, nachdem das Studium ja beendet war, spielte gar keine Rolle. Ich hatte keinerlei Perspektive für mich entwickelt. Der Urlaub war in meinem Kopf verschwunden, aber trotzdem anvisiert. An meiner Abschlussarbeit hatte ich in den letzten Wochen auf Hochtouren getippt. Wir beide nutzten den frühest möglichen Abgabetermin. Auch die Prüfungen schrieben wir zum frühest möglichen Termin. Unsere Studienzeit hatten wir wegen unserer Jobs nicht in die Länge gezogen, im Gegenteil, an mancher Stelle wäre Regina eine Zeitverkürzung am liebsten gewesen.

Ich saß am Pförtnerschreibtisch, die Teetasse in beiden Händen, die Ellenbogen auf den Schreibtisch gestützt. So lauschte ich dem regelmäßigen Surren der beiden Computer am Tisch hinter mir. Durch das große Pfortenfenster, das ich gekippt hatte, strömte warme Sommerluft herein. Draußen blies ein leichter Sommerwind, die Sonne beleuchtete die in ihr glänzenden grünen Blätter riesiger Buchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich sah auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein sattes, kräftiges Grün in den Bäumen und dahinter eine von Blumen bewachsene hohe Wiese. Ihre Gräser und bunten Sommerblumen bewegten sich im leichten Wind. Ich hörte wegen des nur gekippten Fensters und dem Surren der Lüfter in den Computern aber nichts von diesem Wind. Die Äste der Bäume und die Gräser bogen und legten sich in seine Richtung. Ich ging zu den Computern und zog deren Stecker einfach aus der Steckdose. Jetzt öffnete ich das große Fenster vor dem Pförtnerschreibtisch und stellte alle Pflanzen mit ihren Töpfen vom Fensterbrett weg, auf den hohen Tresen.

Ich setzte mich wieder an den Schreibtisch und blickte nach draußen. Der Wind sorgte für ein leichtes Rascheln in den Blättern der riesigen Buchen. Das wurde nur manchmal vom Lärm der vorbeifahrenden Autos unterbrochen. Der Wind roch nach Sommer. Es war der Duft einer Welt, die direkt vor mir lag. Jetzt bemerkte ich, dass ich diese Welt lange Zeit übersehen hatte. Ich dachte daran, dass es drin vermutlich noch Vieles für mich zu entdecken gab. So sah ich zum ersten Mal in diesem Sommer, dass da draußen zwischen den Gräsern surrende Bienen nach Nektar suchten und dabei den Blütenstaub von Blüte zu Blüte verteilten. Das erinnerte mich daran, dass dies die Lehrerin früher im Unterricht ausführlich erklärt hatte. Es hatte mich aber nie wirklich interessiert. Es war zu einem Lernstoff für mich geworden, den ich mir damals einverleibt hatte, um ihn an richtiger Stelle wiedergekäut auszuspucken.

Ich verließ die Pforte und setzte mich mitten in die Blumenwiese auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Dort erlebte ich minutenlang, was vor sich ging. Es waren massenhaft Insekten unterwegs, die ihrer alltäglichen natürlichen Beschäftigung nachgingen. So kam ich auf die Frage, was denn meine Beschäftigung sei. Ich hatte keine Beschäftigung mehr, denn ich hatte sie in den Wochen zuvor erfolgreich abgeschlossen. Die Prüfungen waren geschafft, alle Arbeiten waren geschrieben. Auch wenn das Ergebnis der Abschlussarbeit noch ausstand, so war sicher, dass ich es geschafft hatte. Was war nun meine Aufgabe?

Ich erhob mich aus dem surrenden Leben in der Blumenwiese. Am Schreibtisch mit Blick auf das Leben überlegte ich und dachte an mich und an das, was mein Leben nun geworden war. Was steht als nächste Aufgabe in deinem Leben an? Das fragte mich mein Kopf. Welches Leben ist als nächstes dein Leben?

Abends lag ich mit offenen Augen auf meinem Bett in meinem kleinen Zimmer unter den Dachschrägen. Nachmittags hatte ich keine Antwort auf meine Frage gefunden. Ich war noch mehrmals über die Blumenwiese gestreift, hatte sie zweimal umrundet, hatte verschiedene Käfer, Ameisen und anderes kleines Getier gesehen.
Das Licht in meinem Zimmer schimmerte wie immer in einem matten gelblichen Ton. Von der Lampe auf dem Nachttisch wurde es über die schräge Decke an die Wand neben dem Bett geworfen. Dort warf es einen runden Schatten von der Ballondeckenleuchte, die im leichten Sommerwind, der durch das offene Fenster blies, hin und her schwankte. Rechts von dem bewegten Schatten warf das Licht der Nachttischlampe eine beinahe rechteckige, erstaunlich hell erleuchtete Fläche an die Wand. In Mitten dieser Fläche sah ich Regina. Sie lächelte mich an. Ihre dunklen, großen Augen blickten in linke Richtung genau zu mir. Ich richtete mich auf und sah ihr in die Augen. Sie hatte ein Lächeln auf den Lippen, das ich seit vielen Jahren kannte. Ihre Augen waren klar, so wie sie es immer gewesen waren. Ihr Blick sagte zu mir, dass ich jetzt nichts sagen sollte, denn sie wusste es bereits. Ich sollte sie nichts fragen, denn Ihre Antworten kannte ich bereits. Ich sollte sie nur ansehen. Ich sollte schweigen, wie sie schwieg. Das war alles.

Am Sonntag saß ich mit einer Straßenkarte von Deutschland, die ich auf dem Weg zur Fabrik an einer Tankstelle gekauft hatte, mit dem Bilderrahmen von meiner Wand im Dachzimmer der Wohngemeinschaft und meinem Taschenmesser am Schreibtisch in der Fabrikpforte. Ich legte alles säuberlich auf die Schreibtischplatte. Mein Taschenmesser hatte ich in der hintersten Ecke meiner Schreibtischschublade gefunden.

Ich stützte beide Ellenbogen auf die Schreibtischplatte und versuchte vorsichtig, die Klinge des Taschenmessers zu öffnen. Die saß hoffnungslos fest. In der Küche badete ich das Messer in heißem Wasser. Das brachte nichts. Das Messer wollte sich nicht öffnen. Also ging ich an unser Gewürzfach. Dort fand ich Olivenöl, das ich in das Messer träufelte. Ich legte es auf den Rücken, damit das Öl in die Klinge und vor allem in die Mechanik des Messers laufen konnte. Ich ließ es minutenlang einwirken. Ich lehnte mich wieder an der Wand an. Jetzt roch ich unsere Gewürze aus dem offenen Regal. Ich sah dort alles stehen, was Regina hier regelmäßig zum Kochen benutzt hatte. Nun öffnete ich den Mülleimer unter der Spüle, nahm ihn aus seiner Halterung und stellte ihn auf die Arbeitsplatte unterhalb unseres Schrankfaches mit den Gewürzen. Den ganzen Inhalt schob ich klirrend und scheppernd in den Mülleimer.

Das Taschenmesser ließ sich endlich wieder öffnen. Ich spülte es noch einmal heiß ab, bewegte die Klinge mehrfach hin und her, in der Hoffnung, dass diese Übung dem Messer zeigte, dass mir dessen Funktion jetzt wieder wichtig geworden war. Vorsichtig schob ich die Klinge des Messers seitlich in den Rahmen, drehte sie langsam hin und her um so die Rückwand des Rahmens möglichst unbeschadet von der kleinen Glasplatte mit dem Foto zu lösen. Zwischen der Rückwand und dem Foto fand ich das Schreiben genauso, wie ich es vor Jahren dort hineingesteckt hatte. Ich legte es auf den Tisch neben die Landkarte. Das Foto ließ ich auf der Glasscheibe und schloss den Rahmen wieder.

Im Gang zum Büro des Chefs stand ein Fotokopierer. Den warf ich an und kopierte das Schreiben dreimal. Ich zog aus der Schreibtischschublade im Pförtnerbüro eine Klarsichthülle in die ich das Original des Schreibens vorsichtig hineinschob. Danach legte ich die Hülle zusammen mit zwei Kopien in einen grauen Aktendeckel, den ich zusammen mit Reginas Foto in meinem Rucksack verstaute.

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