25. Abreise

Am Morgen war die Sonne wie Feuer aus einem fernen Vulkan empor gestiegen. Am Horizont, an dessen Ende die Autobahn verschwand, sah ich einen Wolkenstreifen, der sich nach oben wie dichter dunkler Rauch in der Atmosphäre verteilte. In der Mitte des Rauchs strahlten dunkelrote und gelbe Linien hinauf in den Himmel. Nach Minuten stieg ein Feuerkegel aus der weit entfernten Rauchwand empor, der den gesamten Qualm in ein rot-gelbes und orangefarbenes Meer verwandelte. Rechts sah ich plötzlich ein riesiges blaues Schild, das mit dem entfernten Vulkan nichts gemein hatte. Ich blinkte und fuhr in dessen Richtung ab. Sein Pfeil führte mich auf eine leichte Anhöhe. Ein Parkplatz, der sich einfach Alp nannte.

Minutenlang saß ich in dem Wagen, einem geliehen VW-Käfer, orangefarben wie das Sonnenfeuer auf der Anhöhe dieses Parkplatzes und starrte durch die Windschutzscheibe hinaus. Ich gähnte laut und intensiv vor mich hin. Das störte niemanden, denn ich saß allein im Käfer. Den hatte ich von Ulli, einem Wohngemeinschaftsmitbewohner geliehen. Der plante, die gesamten Semesterferien auf Reisen zu sein. Mit seiner Freundin zog es ihn nach Nordamerika, nach Mittelamerika, nach Südamerika und, wenn möglich, noch nach Patagonien. Ich versprach, mich um sein Auto zu kümmern.

Während es Ulli irgendwohin in die Weltgeschichte trieb, gehörte sein Wagen mir. Ich dürfte damit herumfahren oder verreisen, wenn die Kiste im Oktober zu Semesterbeginn repariert und gut fahrtüchtig wieder vor der Wohngemeinschaft stünde. Das garantierte ich. Es waren kleinere Reparaturen nötig, die ich dem Käfer am Wochenanfang angedeihen ließ. Neuer Keilriemen, Ölwechsel, neue Zündkerzen, ein neuer Verteilerfinger, ein kleines Loch zu schweißen im linken Schweller und der Experte vom TÜV war zufrieden. Der Wagen lief einwandfrei. Selbst die Heizung, die, wenn sie funktionierte, sich bei diesem Autotyp üblicherweise im Sommer nicht abschalten ließ, konnte ich abschalten. „Fast zwanzig Jahre alt die Kiste, fünf mal überlackiert, aber technisch einwandfrei!“ So meinte der Mann vom TÜV und klebte die ersehnte Plakette auf das Nummernschild. Ulli wird zufrieden sein.

Nachts konnte ich nur kurz schlafen. Um drei Uhr morgens war ich aufgewacht. Ich dachte, ich gehe schnell auf die Toilette und schlafe wieder ein. Damit war aber nichts. Ich lag wach und schwitzte in der schwülen warmen Dachkammer. Ich schaltete das Nachttischlicht ein. Im hellen Schimmer an der Wand sah ich sie wieder. Sie strahlte mich von dort aus an, wie seit Jahren. Ich richtete mich an der Bettkante auf, nahm das Bild von Regina vom Haken, sah es noch einmal an und versenkte es in der Ecke meiner Schreibtischschublade, dort wo ich Tage zuvor mein Taschenmesser hervorgezogen hatte.

Ich wollte mich von den verbliebenen Wohngemeinschaftsmitbewohnern, die nicht in den Urlaub verreist waren, am Morgen noch verabschieden. Aber ich war einfach zu früh dran. Am Abend zuvor hatte ich das Auto mit meinem Schlafsack und meiner Isomatte bepackt und vorne unter die Haube eine halbe Autowerkstatt eingeladen. Morgens steckte ich noch die Zahnbürste und einige Kleinigkeiten in meinen Rucksack. Den Rucksack und eine Tüte mit Proviant, den ich gekauft hatte, warf ich in der Dunkelheit in Ullis Käfer. Dann schmiss ich den Motor an und fuhr los.

Gähnend genoss ich den Blick über die schwäbische Alp hinüber auf die immer heller werdenden, feurig roten Wolkenmauern am fernen Horizont. Die Luft auf der Anhöhe war klar und erfrischend. Ich rannte einige Runden wie ein Getriebener auf dem Grünstreifen am Parkplatz auf und ab. Danach setzte ich mich in den Käfer und kramte aus der Proviant-Tüte eine Thermoskanne hervor.

Morgens hatte ich nicht darauf verzichtet, in der Küche der Wohngemeinschaft so leise wie möglich meinen Kaffee zu kochen. Ich wusste, dass ich Stunden später unweigerlich darauf angewiesen sein würde. Die Thermoskanne hatte ich zusammen mit dem Proviant in einem riesigen Supermarkt einer großen Kette gekauft. Die waren zur der Zeit an allen Ecken der Stadt wie Pilze aus dem Boden geschossen. Ich hatte die Kanne zufällig im Vorbeigehen gesehen. Weil man auf die Kanne direkt einen Kaffeefilter aufsetzten konnte, erschien mir das für meine Reise sehr praktisch. Also hatte ich den Filter einschließlich Filterbeutel und Kaffee gleich mitgenommen. Das alles hatte ich ich in die Gepäckablage des Käfers hinter der Rücksitzbank geworfen.

Der Kaffee wurde meine Rettung. Ohne ihn wäre mein Weiterkommen nicht möglich gewesen. Ich warf den Motor an und setze meine Fahrt fort. Es war egal, in welchem Reisetempo ich mich fortbewegte. Ich war deshalb auf höchstens einhundert Stundenkilometer fixiert. Der Kilometerstand auf dem Tacho des Käfers zeigte Hundertachtundneunzigtausend an. Der Motor machte auf mich nicht den Eindruck, dass er das wirklich schon auf dem Buckel hatte. Ganz sicher war ich jedoch nicht, denn die fünf Vorbesitzer, die in den Papieren eingetragen waren, könnten deutsche Autopfleger gewesen sein. Regelmäßige Motorwäsche bewirkt Einiges. Deshalb wollte ich dem Motor auf keinen Fall zu viel zumuten. Ohnehin bedingte mein Fahrtziel ganz eindeutig, dass der Kilometerzähler irgendwann während dieser Reise die Zweihunderttausend überschreiten würde. Das wäre für einen Vierunddreißig-PS-Käfermotor schon einiges.

Mein Fahrtziel war die ferne Ostseeküste. Auf der Straßenkarte hatte ich mir die schnellste Route mit einem roten Stift markiert. In den finsteren Stunden seit der Abreise war ich aber noch nicht sehr weit gekommen. Ich hatte die schlechte Beleuchtung des Autos unterschätzt. Der neue Keilriemen war dringend notwendig gewesen. Ich hatte aber nicht begriffen, dass er nicht das primäre Problem gewesen war. Das waren eher die Kohlenkontakte in der Lichtmaschine. Die hätte ich besser ausgewechselt. Die Beleuchtung bei Nacht war so schummrig schwach, dass sie eigentlich vom TÜV hätte bemängelt werden müssen. Da die Scheinwerfereinstellungen aber perfekt gewesen waren und alle Leuchten einwandfrei funktioniert hatten, war da nichts bemängelt worden. Ich war bislang mit dem Auto nie bei Stockfinsternis unterwegs gewesen. In der Stadt, auf meinem Weg zur Fabrik am Wochenende, wofür mir Ulli das Auto manchmal geliehen hatte, war mir die schwache Beleuchtung nie aufgefallen.

In meinen Werkzeugkisten unter der Haube, vermutete ich noch ein paar gebrauchte. aber nicht völlig abgeriebene Kontaktkohlen von einer alten Käfer-Lichtmaschine, die ich vor Jahren mal komplett erneuert hatte. Die alte Lichtmaschine war völlig durchgeschmort und schließlich richtig abgeraucht. Ich musste sie wegwerfen. Zuvor hatte ich alle noch brauchbaren Teile abgebaut. Die Lichtmaschine stand als erste kleine Reparatur am Käfer auf dieser Reise in meinem Reparaturplan. Die Fahrt bei Tageslicht verlief viel angenehmer als bei Dunkelheit. Ich war mit dem Käfer kein Verkehrshindernis mehr. Ich schwamm mit, hielt mich aber trotzdem meist auf dem rechten Autobahnseitenstreifen.

Das Radio brachte leider nur rauschende, knackende Sender hervor. Die Verkabelung schien keine korrekte Entstörung zu haben, denn das Getöse des Motors hörte ich deutlich auch im Radio. Das war ein surrendes, an-und-ab schwellendes Brummen. Es würde die zweite Kleinreparatur am Käfer werden. Auf Dauer wurde etwas, das bei kurzen Fahrten zwischen Wohngemeinschaft und Fabrik kein Problem gewesen war, zur nervigen Begleiterscheinung. Auf der langen Fahrt war ein Autoradio fast überlebensnotwendig, um nicht an einer tödlichen Dosis Langeweile oder an tief schürfender Gedankenpflege einen langsamen Lenkradtod zu sterben. Stunden später, kurz nach Werneck Richtung Petersberg, Bad Hersfeld und Kassel fuhr ich an einem großen Parkplatz raus. Im Auto war es heiß geworden.

Auf dem Parkplatz öffne ich die Motorhaube und ließ sie offen stehen. Ich erhoffte mir von den letzten Kaffeetropfen, dass sie mir die Augen weit öffneten und mich wieder fit machten. Es gab leider keinen Grünstreifen, auf dem ich auf und ab laufen konnte. Die Hitze hätte mir das wahrscheinlich auch kräftig verleidet. Ich zog zwei trockene Brotscheiben aus der Proviant-Tüte, dazu gab es geschmolzenen Käse. Das schmeckte etwas eigenwillig, war mir aber letztlich egal, denn ich hatte richtig Hunger bekommen.

In der Raststätte kaufte ich ein bisschen teuren Süßkram, den ich mir während der Fahrt einverleiben wollte. Zwei Flaschen Wasser kosteten mich unglaubliche drei Mark neunzig. Die mangelhafte Planung meiner Provianteinkäufe im neuen Einkaufsmarkt in der Nähe der Wohngemeinschaft kostete mich nun bares Geld. Wie selbstverständlich fiel mir bei diesen Gedanken an der Kasse im Laden in der Autobahnraststätte Regina ein. Ihr wäre so etwas nicht passiert. Mit ihr wäre ein perfekter Einkauf vor der Abreise garantiert gewesen. Der Mist, den ich in meiner Proviant-Tüte im Auto dabei hatte, wäre ihr niemals zu kaufen eingefallen. Der billige Käse und dazu dieses trockene Brot: Mit Regina unmöglich.

Martin trug ein dunkelgraues Baseballkäppie. An der Kasse in der Raststätte war er mir deshalb aufgefallen, weil ich ihn dabei beobachtet hatte, wie er eine rot-weiße Schachtel Zigaretten in seinen ausladenden Hemdsärmeln verschwinden ließ. Er trug ein orange braun gesteiftes, sehr weites Hemd, dessen lange Ärmel er nicht nach oben gekrempelt hatte. Das fiel auf, denn die Hitze des Tages verleitete die Menschen dazu, sich von möglichst vielen Kleidungsstücken zu befreien oder zumindest die, von denen man sich nicht befreien konnte oder wollte, möglichst hoch zu krempeln.

Der Diebstahl wurde von der Kassiererin nicht bemerkt. Ich beobachtete ihn von hinten aus der wartenden Schlange an der Kasse. Das hatte er nicht sonderlich geschickt gemacht. Außer mir warteten noch weitere Kunden an der Kasse mit Blick auf Martin, die nach meiner Meinung Selbiges beobachtet haben mussten. Keiner der Kunden einschließlich mir, machte die Kassiererin auf Martin und seine Tat aufmerksam. Alle, die vor mir in der Kassenschlange warteten, verließen den Laden ohne ihre Beobachtung der Kassiererin anzuzeigen.
Draußen sah ich Martin wieder. Er stand hinter Ullis Käfer und begutachtete rauchend den geöffneten Motor.
„Luftkühlung?“, fragte er und blies mir dabei lässig den Qualm seiner Kippe von der Seite ins Gesicht. Ich wedelte das beiseite während ich nickte. Ich stellte die Wasserflaschen auf dem heißen Autodach ab, schloss die Beifahrertür auf und warf den gekauften Süßkram ins Handschuhfach.

„Ich bin Martin und hätte da mal so 'ne Frage.“
Er reichte mir die Hand, die ich ergriff und stellte mich ebenfalls vor.
„Schieß los Martin, mit deiner Frage.“
Mit Martin zusammen fuhr ich den immer heißer werdenden Nachmittag im Käfer auf der Autobahn Richtung Kassel. Er hatte beim Einsteigen nicht nur die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, sondern er zog das Ding gleich ganz aus und warf es zusammen mit einem genauso wie sein Hemd orange-braun gestreiften kleinen Rucksack auf die Rücksitzbank im Käfer. Sein Ziel lag in einem Ort nördlich von Kassel. Er war von Stuttgart kommend an der Raststätte abgeladen worden. Sein Lift, wie er das nannte, konnte ihn wegen eines anderen Fahrtziels, das der Fahrer ansteuerte, nicht weiter im Wagen behalten. Er hatte sich mit dem Fahrer beratschlagt und die Raststätte als guten Umsteigepunkt gewählt. Drei Stunden lang war er dort geblieben und hatte erfolglos nach einem weiteren Lift Richtung Kassel Ausschau gehalten.

Die Einzigen, die bereit gewesen wären, ihn mitzunehmen, seien einige „Ossis in ihren Klitschen“ gewesen, die ja seit letztem Jahr „rübergemacht“ hätten und die nun die Raststätten überrannten, weil sie offenbar nur noch auf Reisen wären. In so eine „Schaukel“ wollte er aber nicht einsteigen.

Warum er das nicht wollte, konnte mir Martin nicht sagen. Nach wenigen Minuten mit Martin im Käfer wurde mir klar, dass er ein sehr einfach gestickter Typ war. Er äußerte handfeste Vorurteile, die sich speziell gegen die „Ossis“ richteten. Wohl deshalb, weil sie ihm an dem Tag auf der Raststätte besonders aufgefallen waren. Die Wiedervereinigung im Vorjahr war für Martin ein unverständliches Drama, mit dem er niemals gerechnet hatte. Natürlich hätten diese Menschen gleiche Rechte wie wir, doch warum, so fragte Martin, musste deshalb die Mauer fallen und die Grenze geöffnet werden? Jetzt könnte er nicht mehr so schön mit seiner Schwester da hinüber fahren und seiner Tante, die östlich von Berlin wohnte, die leckeren Schokoladen mitbringen, über die sie sich jahrelang immer so gefreut hatte. Die Schokolade könnte sich die Tante jetzt selbst kaufen.

„Warum das alles?“

Das war eine schöne Frage von Martin, auf die ich mich aber nicht einließ. Das war auch gar nicht nötig, denn er erwartete von mir keine Antwort darauf. Er sprach die Frage aus, wie eine Erkenntnis, die er aus seinem Inneren hervorgehoben hatte. Er formulierte sie als Frage, meinte das wohl aber eher rhetorisch. Seine Frage war eigentlich eine schlichte Mitteilung. Er stellte die Frage zwar, sie gehörte aber eigentlich zu einer Art Selbstgespräch, das Martin führte. Die Frage war eine nebensächliche Erwähnung in einem längeren Bericht, im Grunde einem Redeschwall ohne Punkt und Komma.

Dass ich diesen Menschen von der Raststätte mitgenommen hatte, brachte mir zunächst als einzigen Vorteil, dass er mich wach hielt, weil er unentwegt sprach, über sich selbst laut lachte und auf seine Fragen offenbar grundsätzlich keine Antworten erwartete. Diese Art der Unterhaltung mit Martin auf der Autobahn kam mir bei allem Unsinn, den der von sich gab, sehr entgegen. Ich war auch mit den Rauchpausen, die wir alle halbe Stunde einlegten, sehr zufrieden, denn die Hitze des Nachmittags war in dem Käfer fast unerträglich geworden.
Martin hatte erstaunlicher Weise gar nicht vor, in dem Käfer zu qualmen. Er sprach von einer Sache des Anstands gegenüber dem Chauffeur. Er wollte mir aber eine „gute Offerte“ unterbreiten. Es sei ihm sehr daran gelegen, um regelmäßige Pausen zu bitten, damit er seinen „Nikotinbedarf“ decken, aber mich vom Rauchen im Auto verschonen könnte. Für mich war das Angebot, das mein Fahrgast unterbreitete, eine gut anzunehmende „Offerte“.

Anfangs war ich von Martins gewählter Ausdrucksweise überrascht. Die passte so gar nicht zu seinem Auftreten an der Kasse in der Raststätte, zu seiner Kleidung und zu seinen anfänglichen Sprüchen über die Menschen aus Ostdeutschland. Im Laufe der Fahrt, mit ihren qualmenden Pausen, merkte ich aber, dass Martin mit seiner Sprache eine Art Lebensgefühl ausdrückte. Ich verstand das als eine Art alltägliches Theaterspiel das Martin permanent betrieb, das in seiner Sprache ihren Ausdruck fand. Damit brachte er etwas lockeres in diesen heißen Nachmittag im Käfer.

Mein Kopf kochte vor Hitze. Schweiß lief mir den Rücken runter. Länger als eine halbe Stunde den Wagen zu steuern, war unmenschlich geworden. In meinem Genick spürte ich eine zunehmende, schmerzliche Versteifung, die wahrscheinlich mit den geöffneten Fenstern zu tun hatte. Bei geschlossenen Fenstern wäre die Fahrt aber unmöglich gewesen. Schon deshalb waren die halbstündigen Pausen für mich wichtig, um mich am Nacken ein wenig zu massieren und dem Zug des Fahrtwindes zumindest kurzzeitig zu entgehen.

Meinen Geldbeutel hatte ich mir in die Hosentasche gesteckt, was beim Sitzen eher unangenehm war. Doch ich musste mich davor schützen, dass Martin sich daran vergriff, während ich auf die Toilette ging. Den Wagen konnte ich unmöglich absperren, die Türen mussten auf dem Parkplatz offen stehen. Denn die Hitze hätte sich darin so gestaut, dass die Weiterfahrt ein sicheres Hitzschlagprogramm geworden wäre. Ich rekapitulierte schnell, welche Wertsachen ich in meinem Rucksack im Wagen hatte. Mir fiel aber nichts wirklich Wertvolles ein, so dass ich dass Risiko, dass Martin einen Blick in meinen Rucksack werfen konnte einfach einging.

Stunden und Massen von Schweißperlen später passierten wir Kassel. Die Sonne stand schon recht tief, glühte aber immer noch. Martin war mit seinem Unterhaltungsprogramm am Ziel seiner Reise angekommen. Seine zauberhafte Schwester habe zu einer „tollen Geburtstagsfete“ in ihre „Datscha“ geladen. Der Ort nördlich von Kassel sei ein verschlafenes Kaff, in das es ihn nur einmal im Jahr, eben zu Schwesters Geburtstag ziehe. Dieses Jahr gäbe es eine außerordentliche Veranstaltung, weil die Schwester zweiundzwanzig Jahre alt werde. Das sei ja wohl ein Grund zum runden Feiern.

Ich verstand nicht ganz, was Martin an dieser Zahl rund fand. Aber das war wohl er. Für ihn war rund, was groß angekündigt war, die Schwester hatte das wohl gemacht. Martin sprach von mindestens einhundert Leuten, die zur Fete am heutigen Abend geladen seien. Ich fand es etwas eigenartig, für Donnerstagabend eine rauschende Geburtstagsfeier anzusetzen, wo doch der Freitag hierzulande schon immer ein Arbeitstag gewesen war. Ich rechnete den Kalender durch, fand aber keinen Feiertag, der auf den morgigen Freitag fiel. Dann begann ich mit der Rechnerei von neuem, weil ich mir plötzlich unsicher geworden war, ob nicht doch schon Freitag war. Aber ich kam zu dem Ergebnis, dass ich mir genau drei Tage Zeit genommen hatte, um Ullis Käfer fit zu machen. In der Zeit hatte ich noch einen anderen Wagen, einen Golf, für einen ehemaligen Kommilitonen mit einer neuen Auspuffanlage ausgerüstet. Ich war mir ganz sicher, dass Donnerstag sein musste. Warum Donnerstags groß feiern, wenn Freitags kein Feiertag war, um auszuschlafen?

Martin war jetzt soweit gekommen, mir den genauen Weg zum Kaff seiner Schwester zu erklären. Es sei wirklich nicht weit dorthin. Wenn ich ihn dort hin bringen würde, könnte ich sogar die Nacht über bleiben und mich ein bisschen an deren „coolen Pool“ entspannen. Da hörte und wachte ich gebannt auf. Meine Frage, ob denn der Wochentag stimmte, hatte ich nicht gestellt und schon vergessen. Die Worte von Martin klangen in meinem überhitzten Kopf jetzt richtig gut. Denn ich klebte am ganzen Körper vor Schweiß. Jetzt antwortete ich Martin das erste Mal, seitdem wir zusammen diese Reise im Käfer fortsetzten. Es war erstmals möglich, auf ihn zu reagieren, weil ich an dieser Stelle den Raum einer Pause in Martins Redeschwall fand. Er war ruhig geworden. Martin schwieg sekundenlang.

„Ist das wirklich möglich? Ich schwitzte nämlich wie ein Elch!“
Diese Frage und der Spruch waren für Martin genau richtig. Ob Elche schwitzen wusste ich nicht, den Spruch hatte ich aber schon öfter an heißen Tagen von Kommilitonen an der Uni gehört.
„Na klar, das ist gar kein Problem!“

Martin rief das mehr zum Fenster hinaus als in meine Richtung. Danach setze er seinen Redeschwall, den er für diese Klärung unterbrochen hatte, fort. O.k., dachte ich mir, bei dieser Hitze, die am späten Nachmittag ihren Höhepunkt erreicht hatte, war ein kühler Gartenpool genau das, was ich brauchte.

Die Strecke über die Landstraße zog sich. Erst mit Einbruch der Dunkelheit erreichten wir schließlich das Kaff von Martins Schwester. Die spärliche Beleuchtung am Käfer, die sich mir bei der Durchfahrt des beinahe unbeleuchteten Dorfes in Erinnerung rief, deutete mir an, dass ich mich wohl vor Tagesanbruch aus dem Kaff nicht mehr wegbewegen würde. Beim Aussteigen vor einem schmucken Einfamilienhaus spürte ich meine Klamotten an meinem Körper. Wie von einem Eimer heißen Wassers übergossen, klebten sie an mir. Mein Kopf glühte von der Hitze. Ich hatte Kopfschmerzen und fühlte mich wegen des langen, heißen Tages und des dröhnenden Käfermotors fast wie betäubt.

Ich war überrascht und wiederum nicht überrascht. Für eine riesige Fete, die hier von Martin angesagt worden war, lag das Haus erstaunlich ruhig, beinahe finster da. Auch der Gehsteig vor dem Haus war leer, wo ich doch auf Kilometer von parkenden Fahrzeugen gefasst war. Hinter einer dunklen hohen Hecke erkannte ich auf dem Grundstück das Wichtigste. Dezent beleuchtet lag er da, der versprochene Swimmingpool. Martin schien die Ruhe rund ums Haus und die fehlenden parkenden Autos der Gäste nicht zu stören. Er schlenderte in seinem weiten, offenen Hemd, seinen gleichfarbigen Rucksack auf dem Rücken, zielstrebig zur Haustür. Dort läutete er meiner Meinung nach etwas zu enthusiastisch, schien dabei aber die Ruhe selbst zu bleiben. Nach nur wenigen Sekunden wiederholte er sein Läuten. In dem erkannte ich nun die exakte rhythmische Wiederholung des Ersteren: „Ba baba bapp“.

Jetzt wurde die gewellte Milchglashaustür von einer schwarzhaarigen jungen Frau geöffnet, die Martin und auch mich um zwei Köpfe überragte.
„Ja kommt ihr denn heute schon?“
Das rief die Frau Martin entgegen, während sie ihm sogleich um den Hals viel.
„Wir sind doch erst für morgen zum Feiern verabredet!“
Die Schwester begrüßte auch mich. Sie fragte, ob Martin unterwegs irgendwelche Dummheiten angestellt hätte. Der warf einen skeptischen Blick zu mir. Ich schüttelte überzeugend den Kopf.

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