26. Reisetempo

Die Schwester entpuppte sich als ebenso gesprächige Person wie Martin. Sie schien ihrem Bruder allerdings in jeglicher Hinsicht überlegen zu sein. Nach einer ausgiebigen, eiskalten Dusche servierte sie uns beiden ein reichhaltiges Abendessen mit einer Vielzahl von frischen Salaten, die sie für ihren Geburtstag am nächsten Tag vorbereitet hatte. Sie erwartete nicht ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag, sondern es war der siebenundzwanzigste. Eine Zahl, die noch weniger rund war. Das interessierte Martin gar nicht. Für ihn stand am nächsten Tag ein Runder an.

Wir saßen bis tief in die Nacht im Garten vor dem Pool am Abendbrottisch. Um zwölf Uhr stießen wir mit der Schwester auf ihren Geburtstag an. Wir ließen uns von Martin unterhalten, dem eine lustige Geschichte nach der anderen aus seiner Wohngemeinschaft einfiel. Er wohnte seit Jahren nahe bei Stuttgart. In Martins Geschichten tauchte irgendwann auch der Tag unserer gemeinsamen Autofahrt auf. Er habe auf der Autobahnraststätte mal einen coolen Typen kennen gelernt, der ihn in dessen Mobil stundenlang bei glühender Hitze durch die Landschaft gekarrt hat. Den habe er schließlich nach Hause zu seiner Schwester gelotst, obwohl der eigentlich wo anders hin wollte. Er habe ihn den halben Tag lang im Auto vollgequatscht, wurde von dem deshalb aber nicht raus geschmissen, wie zuvor von anderen, die ihn mitgenommen hatten, aber wegen seines Gequatsches immer nur kurze Strecken. Er durfte sogar alle halbe Stunde eine lässige Zigarette in Pausen auf dem Parkplatz rauchen. Das wäre echt richtig cool gewesen.

„Was ist denn daran so cool gewesen?“, fragte ich Martin.
„Bist einfach 'n cooler Typ“, antwortete der darauf. Er lachte mich jetzt nicht nur an, wie er es nachmittags im Auto die ganze Fahrt über immer wieder getan hatte, sondern er fiel mir jetzt regelrecht um den Hals.
„Mit dir könnte ich 'ne Weltreise machen, in deinem super Bluesmobil!“
„Ich will aber nur bis zur Ostseeküste.“
„Macht gar nichts, ist ja auch Meer. Ich liebe das Meer!“
Martin lachte und fiel mir nochmal um den Hals.
Die Schwester sagte: „Lass mal Martin, lass den Mann mal in Ruhe sein Bierchen trinken.“
„Ist kein Problem, das tue ich ja schon den ganzen Abend lang.“
„Ich liebe das Meer, ist echt cool da, der blaue weite Teich! Das ist toll da, wo du hin willst.“
Mit Martins Schwester kam ich am frühen Morgen gegen zwei Uhr ein wenig ins Gespräch. Martin hatte sich auf eine Liege vor dem Pool gelegt, wo er eingeschlafen war.

"Er ist wirklich ein Lustiger, aber manchmal gibt ’s auch Probleme. Vor allem dann, wenn er in seinen Geschichten zu maßlos übertreibt und er damit dubiose Leute anlockt. Aber er ist echt o.k."
Ich nickte bestätigend, denn der heiße Nachmittag im Wagen mit Martin war insgesamt völlig unproblematisch. Von seinen Geschichten habe ich schließlich profitiert, weil ich es nur durch sie so lange in der Hitze hinterm Lenkrad ausgehalten habe und nun sogar eine frische Dusche, ein herrliches Abendessen und kühle Getränke in einem Garten am Pool genießen konnte.
„Bleiben Sie morgen noch hier?“
„Bitte nicht schon wieder „Sie“, ich bin Bernado, das hatten wir doch schon geklärt.“
Christine erzählte, dass sie am nächsten Tag etwa zwanzig Leute erwarte und dass mittags auch ihr Mann endlich wieder nach Hause komme. Der sei viel auf Reisen. Er verkaufe weltweit komplizierte Elektronikbauteile für Produktionsanlagen. Von seinem Job habe sie aber eigentlich keine Ahnung.
„Ich weiß noch nicht recht.“
„Martin würde sich echt freuen. Der hat Sie, äh Dich glaube ich irgendwie lieb gewonnen.“
„Tja, das glaube ich auch. Obwohl ich bislang kaum zu Wort gekommen bin.“
„Das gehört zu Martin, der quatscht am Anfang Jeden voll. Das ist seine Art der Kontaktaufnahme. Aber man merkt, dass Du bei ihm gelandet bist. Sonst würde er ganz anders reden. So wie über die anderen Autofahrer, die ihn rausgeworfen haben.“
„Hmm, kann schon sein." Ich nickte, denn ich kannte ihren Bruder ja erst einen knappen Tag lang.
„Wenn Martin jemanden schätzt, lässt er sich von dem auch mal etwas sagen. Manchmal geht er nämlich ein bisschen zu weit, dann muss man ihn bremsen. Ich glaube, Sie hätten da gute Chancen.“
“Ich musste ihn bisher aber noch nicht bremsen.“
„Ich kenne meinen Bruder seit siebenundzwanzig Jahren. Ich habe immer für ihn gesorgt. Seitdem er in dieser Wohngemeinschaft lebt, geht es ihm viel besser als früher, denn da kann er viel mehr leben. Er kann dort fast so leben, wie er leben will. Zuvor verbrachte er einige Jahre in einem größeren Heim, das war nichts für ihn, denn da kam er kaum mehr raus. Deshalb habe ich für ihn diese Wohngemeinschaft gesucht. Das funktioniert viel besser. Manchmal übertreibt er es, so wie heute. Er hätte eigentlich erst morgen kommen sollen und er hätte mit dem Zug fahren sollen. Weil er aber das Autofahren so cool findet, hat er sich mal wieder an die Autobahnauffahrt gestellt. Deshalb ist er auch schon so früh losgefahren, denn manchmal nimmt ihn keiner mit. Dann hätte er eventuell meinen Geburtstag morgen verpasst und er hätte dafür gesorgt, dass wir, anstatt zu feiern, eine Vermisstenanzeige aufgeben und eine Suchaktion nach ihm hätten starten müssen!“
„Dann hat er mir ja heute auf der Fahrt absichtlich was Schönes auf die Nase gebunden.“
„Was denn?“
„Er hat erzählt, dass der Geburtstag heute wäre, dass es ein runder wäre und dass eine riesige Fete mit hundert Gästen steigt.“
Sie lachte jetzt schallend.
„Tja, das genau ist Martin! Er weiß, was er zu erzählen hat, damit er erreicht, was er erreichen will. Er wollte mit Dir hier auftauchen. Das war sein Ziel. Da war es kein Problem für ihn, Dir das vorzugaukeln. Das war für ihn das Nahe liegende."
"Tja, das war es wohl. Hat ja sehr gut geklappt. Immerhin, seine Werbung mit dem kühlenden Pool war richtig.“
„Übrigens hätte er das nicht mit jedem gemacht. Du hast bei ihm schon irgendeinen Stein im Brett, er findet Dich wirklich cool. Warum, das weiß nur er und er wird es dir ganz bestimmt nicht sagen. Aber er weiß auch, dass du mitkriegen wirst, was mit ihm los ist, weil er Dich mit hierher gebracht hat und Du jetzt mit mir sprichst. Das erlaubt er nur coolen Leuten.“
„Immerhin ist von dem was er erzählt hat wahr, dass du jetzt tatsächlich Geburtstag hast. Ich glaube ich werde morgen noch bleiben. Ich habe es eigentlich nicht wirklich eilig. An die Ostsee komme ich auf jeden Fall.“
Wir reichten uns die Gläser zum Prost.
„Das findet Martin bestimmt richtig cool, dass Du morgen noch hier bleibst.“

Am nächsten Tag wachte ich auf einem Bettsofa, das Martins Schwester für mich bezogen hatte, im Zimmer von Martin auf. Martin röchelte auf dem Rücken liegend in seinem Bett. Da hinein hatte er sich früh morgens, als wir zu Bett gingen, mit letzter Kraft von seiner Pritsche am Pool geschleppt. Durch das Fenster zum Garten sah ich einige Sonnenstrahlen hereinblitzen, die den feinen Staub im Zimmer in klaren Streifen in die Luft malten. Auf meiner Armbanduhr erkannte ich, dass der Mittag schon weit voran geschritten war. Es war halb vier Uhr nachmittags geworden. Ich hatte geschlafen, wie ein Stein. Das Zimmer war bis jetzt kühl geblieben. Es lag auf der Nordwestseite des Hauses, beschattet von hohen Bäumen, durch die offenbar erst nachmittags einige Sonnenstrahlen ihren Weg in den Raum fanden.

Das Geburtstagsfest wurde nicht zuletzt wegen Martin sehr lustig. Er unterhielt sich mit allen Gästen, hatte für jeden einen heiteren Spruch auf den Lippen, tobte sich im Pool aus und peitschte abends als Diskjockey hinter dem Plattenteller die Stimmung nach oben. Christines Mann war ein ruhiger Typ, der sich hinter dem Gartengrill platzierte und den Gästen jeden Grillwunsch erfüllte. Spät nachts, als die letzten Gäste sich verabschiedet hatten, saßen wir zu viert am Tisch neben dem Pool.
„Irgendwann ist auch das schönste Fest zu Ende.“
„Tja, leider!“, meinte Martin und zog sekundenlang eine aufgesetzte Trauermimik.
„Fährst du denn Morgen wirklich an die Ostsee?“
„Klar, das ist mein Reiseziel.“
„Wann willst Du denn losfahren?“
„Schätze mal, etwa so um zehn Uhr.“
Am nächsten Morgen weckte mich meine Armbanduhr um viertel nach neun Uhr auf. Im Zimmer von Martin war es wegen des Schattens der Bäume noch relativ finster. Ich drehte mich auf den Rücken und versuchte, mich auf Martins Röcheln zu konzentrieren. Aber es war nicht da. Ich richtete mich auf und sah, dass Martin gar nicht in seinem Bett lag.
Unten am Frühstückstisch saßen Christine und ihr Mann. Sie boten mir Kaffee an, den ich dankend annahm.
„War ja eine ziemlich kurze Nacht, da brauche ich dringend einen starken Kaffee, hab ja eine weite Reise vor mir heute.“

Ich setzte mich und begann, mir ein Butterbrötchen zu schmieren.
„Wo ist denn eigentlich Martin geblieben?“
„Der sitzt seit halb Neun bei Dir im Auto.“
„Wie bitte?“
„Der hat sich da reingesetzt, mit Schlafsack, Isomatte, Rucksack und bockt.“
„Was will er denn da?“
„Der will an die See. Er will mitkommen, mit Dir.“
„Oje, das ist ja was!“
„Der lässt sich nicht davon abbringen. Er hat keine Lust heute oder morgen mit dem Zug nach Stuttgart zurückzufahren. Er will mit dir zusammen in den Urlaub an die See, weil er jetzt sowieso Ferien hat.“
„Was machen wir denn da?“
„Keine Ahnung, wenn der eine Idee im Kopf hat, kann 's echt schwierig werden.
„Da brauchen wir gute Argumente, dagegen.“
„Puhh. Welche könnten denn das sein?“

Ich nahm einen tiefen Schluck aus der Kaffeetasse, der wirklich gut war. Ich spürte meine Müdigkeit langsam schwinden. Ich merkte, dass mein Hirn jetzt langsam begann in Schwung zu kommen. Was hier besprochen wurde, war eine Situation, die offenkundig auch mich betraf.
„Ich habe nichts gebucht, ich weiß nicht genau wohin. Wären das Argumente?“
Kopfschütteln bei Christine und ihrem Mann.
„Ich brauche Ruhe und Luft an der Ostsee, ich will die frische See genießen. Wären das Argumente?“
Erneutes Kopfschütteln.
„Ich wollte eigentlich alleine reisen. Ich bin ein Einzelgänger, ein Individualist und mein Auto ist klein und eng.“
Wieder Kopfschütteln.
I“ch kenne Martin eigentlich gar nicht, zumindest hatte ich ihn vorgestern noch nicht gekannt.“
„Kein Grund, ihn jetzt nicht richtig kennenzulernen.“ Das sagte der Mann von Christine unvermittelt. Die sah ihren Mann überrascht an und schüttelte den Kopf.
„Warum eigentlich nicht?“ Das fragte ich mich laut.

Nach einer halben Stunde Fahrt auf der Autobahn steuerten wir den ersten Parkplatz an. Martin lehnte lässig am Wagen und paffte eine lange Zigarette, die er aus seiner rot-weißen Schachtel gepult hatte.
„Hab' ein cooles Tape dabei. Ist mein Lieblings-Tape! Können wir das nachher mal einwerfen?“
„Äh, ich hab' keine Ahnung, ob das Ding überhaupt funktioniert. Das Auto gehört nicht mir, hab' es von einem Kumpel geliehen, der Ulli heißt. Das Radio läuft, das hab ich schon getestet. Aber der Kassettenrecorder? Das weiß ich nicht. Hast du denn mehr Kassetten als nur deine Lieblingskassette dabei?“
„Ja, vier Stück, alle toll und cool, von meiner lässigen Lieblingsband!“
„O.k. Martin. Aber wir sollten sicherheitshalber erst den Kassettenrecorder mit einer schlechten Kassette testen. Denn wenn das Ding kaputt ist, dann frisst die Maschine vielleicht eine deiner Lieblingskassetten und macht aus dem Band Knittersalat. Die Kassette wäre dann wohl futsch und das wäre echt schade, oder?“
„Alles klar, das will ich nicht. Dann testen wir das Ding erstmal. Hast 'e so eine miese Kassette zum Ausprobieren dabei, mit der wir das testen könnten?“
„Nein, ich hab gar keine dabei. Wir fahren am besten beim nächsten Ort raus und kaufen in einem Supermarkt irgendwo eine billige, leere Kassette. Damit testen wir das Gerät.“
„Bisschen kompliziert, oder?“
„Nö, wieso? Damit gehen wir auf Nummer sicher, dass der Recorder in Ullis Autoradio deine Kassetten nicht schrottet.“
„Alles klar, hab schon kapiert! Wenn meine Kassetten kaputt gehen, kriegt dein Ulli aber Ärger!“
Der nächste Ort lag dreißig Kilometer entfernt. Dort steuerten wir einen großen Supermarkt am Ortsrand an. Auf dem Parkplatz meinte Martin, dass er jetzt dringend auf die Toilette müsste. Weil es die dort nicht gab, verschwand er erstmal seitlich von einem breiten Grünstreifen in ein kleines Wäldchen.

Ich nutzte die Zeit, um mir die Lichtmaschine im Motorraum anzusehen. Denn mir war eingefallen, dass die Stromversorgung während der Fahrt gefährdet sein könnte, wenn wir Ullis Autokassettenrecorder in Gang setzten. Ich öffnete zunächst den Kofferraum vorne und fand nach minutenlangem Suchen tatsächlich die nur leicht abgeriebenen Kontaktkohlen der alten Lichtmaschine in einem meiner Werkzeugkästen. Dann begann ich, hinten im Motorraum an der eingebauten Lichtmaschine herumzufummeln. Es war ein Leichtes, den alten Kontakt herauszunehmen und den gebrauchten, neuen einzusetzen. Während ich die Gehäuseschrauben an der Lichtmaschine wieder anzog, ertönte plötzlich ein schallend lauter Sound. Das war ein bekanntes, aber meiner Meinung nach sehr schlechtes Schlagerlied. Das Getöse dieser Musik war ohrenbetäubend laut aufgedreht. Ich erschrak davon so sehr, dass ich mir beim hektischen Aufspringen an der Kante des Motorraumes den Kopf anschlug.

Da sah ich, dass Martin wieder im Wagen saß und ich hörte, dass der miese Schlager aus meinem Auto dröhnte. Ich sprang in den Wagen, schlug die Tür zu, drückte auf den Off-Knopf des Kassettenrecorders und brüllte Martin laut ins Gesicht:
„Spinnst Du denn jetzt völlig?“
Der erschrak davon so, dass er einen Arm vor sein Gesicht riss, als würde ich ihn schlagen wollen. Er nahm den Arm nicht weg, sondern begann leise zu weinen.
„Nicht absichtlich war das, das war doch nicht Absicht!“
„Ist schon gut Martin. Hör mal auf zu weinen. Ich wollte dich nicht so laut anbrüllen. Ist nur so raus gerutscht, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass du im Auto sitzt und dass du schon eine Kassette zum Testen hast.“
„Ich mag nicht, wenn mir einer so laut ins Gesicht schreit! Da krieg ich doch Angst, und später werde ich böse.“
„War keine Absicht Martin. War nur mein Schrecken. Hab mir vor Schreck den Kopf angehauen. Krieg deswegen wahrscheinlich eine kleine Beule. Tut mir echt Leid. Kommt nicht mehr vor. Hör schon auf zu weinen.“
„O.k., sind wir wieder quitt? Oder?
Martin hielt mir die platte Hand zum Zusammenschlagen hin.
„Na klar sind wir das.„
„Alles o.k. Kumpel, dann lass uns mal einschlagen.“
Patsch.

Ich öffnete die Autotüre und kurbelte die Scheibe herunter. Die Hitze begann wie auf der Fahrt vor zwei Tagen, stechend von oben herunter zu glühen.
„Wo hast Du denn das Tape zum Testen so schnell aufgetrieben?“
Martin lachte mich schlitzohrig an. Offenbar war das sein Triumphlachen.
„Ist nicht Deine Lieblingsmusik oder?“ Ich hoffte inständig darauf und schwor mir demütiges, reuiges, dankbares Abbitten, wenn Martin diese Frage bejahte. Denn die Musik, die zuvor laut erschallte, war der sichere geistige Tod, der, durch die Ohren kommend, nichts Menschliches in meinem Gehirn übrig lassen würde, wenn ich ihr auf so einer langen Autofahrt dauerhaft ausgesetzt wäre.

Martin brüllte jetzt vor Lachen. Aber er sagte nichts, sondern hielt sich die rechte Hand vor den Mund. Mit der linken Hand deutete er durch das Beifahrertürfenster nach draußen. Dort stand eine Reihe geparkter Autos. Etwa in der Mitte dieser Reihe sah ich ein großes Cabriolet.
Ich sah Martin an.
Der sah mich an.
Wir beide nickten.
Jetzt versuchte ich eine Mimik, als wollte ich ihn wieder anschreien.
Darauf zuckte er zurück. Ich flüsterte, versuchte dabei aber auszusehen als schrie ich wie zuvor:
„Spinnst Du denn jetzt völlig?“
Martin lächelte und nickte.
„O.k.“, sagte ich.
„Wir sollten zusehen, dass wir schnell von hier verschwinden. Das Test-Tape bleibt erstmal noch aus. Wir können doch hier nicht mit diesem Ohren-Terror den Parkplatz bedröhnen. Vor allem nicht, wenn jederzeit der Eigentümer der Kassette zu seinem dicken Cabriolet zurückkommen kann. Der hört diesen Krach doch!“
Martin verstand und nickte.

Ich räumte das Werkzeug vorne wieder auf, schloss die Haube und fuhr auf der Autobahn bis zum nächsten Parkplatz. Dort warfen wir den Kassettenrecorder mit dem Test-Tape an. Die Lautstärkeregelung hatte Martin beim Einschalten versehentlich auf volle Lautstärke verstellt. Sie ließ sich zum Glück einwandfrei regulieren. Die Kassette war fürchterlich, das lag aber an der Musik und nicht am Recorder. Alles funktionierte, selbst das Hin- und Herspulen der Kassette.
„Alles klar!“
Ich warf die Kassette aus und gab sie Martin.

„Hier Dein Lieblingsband!“
Martin nahm das Ding und schlenderte damit in seinem offenen orange-braun gestreiften Hemd mit einer Kippe im Mundwinkel zu einem kleinen, grünen Mülleimer. Dort ließ er die Kassette hineinplumpsen.
„Jetzt aber mal Abfahrt!“, rief ich, „wir wollen ja noch an die Ostsee.“
Martin steckte eine seiner vier Lieblingskassetten in den Recorder und drückte die Rückspultaste. Fünf Minuten später, so langsam spulte der Kassettenrecorder von Ulli, klickte es. Dann ertönte der satte Bluessound mit den fetten Bläsersätzen der Bluesbrothers.

Jetzt erst wurde mir klar, warum Martin Ullis Käfer gestern „Mobil“ genannt hatte und einmal das Wort „Bluesmobil“ benutzte. Jetzt wusste ich auch, warum er so gerne Auto fuhr. Er liebte die Bluesbrothers.
Eine halbe Stunde später, kurz vor der Ausfahrt zur nächsten Raststätte steckte sich Martin die übliche Kippe in den Mund. Aus den Boxen schallte der Song „she caught the katy“. Martin griff zum Zigarettenanzünder. Der funktionierte aber offenbar nicht. Bevor ich mich versah, hatte er ihn schon durch das offene Fenster hinausgeworfen.

Ich schrie diesmal wieder richtig laut. Allerdings nicht in Martins Richtung, sondern aus meinem offenen Fenster hinaus. Wegen des Lärms ging mein Geschrei im Fahrtwind und dem Krach der Musik unter.
„Ja spinnst Du denn jetzt endgültig? Das ist kein Bluesmobil! Die Karre gehört meinem Kumpel Ulli! Der Anzünder gehörte auch ihm!“
Martin blickte mich lächelnd von der Seite an.
„Ulli ist kein cooler Typ, so wie du!“

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