Den nächsten Vormittag verbrachten wir am Strand in einem Strandkorb. Das herrliche Wetter wollte uns nicht verlassen. An der See blies eine schöne Briese, welche die Hitze vertrieben hatte. Mittags fuhren wir zum Hafen. Ich hatte Martin versprochen, dass wir da jede Menge fetter Pötte sehen würden. Leider war das zu viel versprochen, denn ich war nun wirklich kein Seemann und hatte über mein Versprechen nicht eine Sekunde lang nachgedacht. Die Schiffe waren fast alle ausgelaufen. Also setzten wir uns an einen Pier und warteten.
Im Laufe des frühen Nachmittags tat sich dann aber etwas. Ein Schiff nach dem anderen lief in den Hafen ein. Es gab sie also noch. Die Hochseefischerboote, welche die Fischer und solche, die es gerne geworden wären, für eine Tagesfahrt hinausbrachten, um nach Dorsch zu angeln. Ich beobachtete Familien, Kinder und Jugendliche, die wie wir es damals getan hatten, hinaus gefahren waren, um mit langen Angelruten und glänzenden Blinkern in der Ostsee zu fischen. Sie stiegen mit ihren Angelruten, Angelkästen und ihren Tagesfängen über wacklige Holzbrücken von den Schiffen hinüber zu den Stegen.
Der Fisch wurde offenbar schon am Steg zum Verkauf feilgeboten. Das war früher anders gewesen. Wir hätten unseren gefangenen Dorsch nicht schon im Hafen weitergebracht. Dafür mussten wir mühsam mit dem Handwagen durch den Ort von Haus zu Haus laufen und unseren Fang wie saures Bier anbieten. Auf den Stegen sammelten sich Menschentrauben, um den erfolgreichen Fischern ihren Fang abzukaufen. Mitten in einer Gruppe vor uns auf dem Steg entdeckte ich auch Erna. Sie lief mit einem Eimer in der Rechten und ihrer Geldbörse in der Linken auf und ab. Minuten später fand sie zwei junge Burschen, mit denen sie sich offenbar schnell handelseinig wurde. Fünf riesige Dorsche verfrachteten die in ihren Eimer. Den schleppte Erna vom Steg in Richtung Hafenparkplatz.
Zum Abendessen servierte Erna frisches Dorschfilet, dazu Bratkartoffeln mit frischem Gemüse. Martin juchzte und schlemmte. Erna hatte ihre Mutter zu meinem Schreiben befragt. Sie setzte sich nach dem Essen an unseren Tisch. Sie könnte für morgen Abend ein Treffen mit ihrer Mutter organisieren. Ob wir da Zeit hätten. Genau das hatten wir, in großer Menge.
Am nächsten Tag tobte Martin den ganzen Vormittag im Meer, während ich die meiste Zeit über in einem der Strandkörbe von Ernas Blickfang vor mich hin döste. Abends fuhren wir gemeinsam zum vereinbarten Treffpunkt, um Ernas Mutter zu sprechen. Sie lebte in einem Backsteinhaus am Ortsrand. Wir durchschritten einen großen hübschen Obstgarten mit Kirschbäumen, Apfel- und Birnbäumen. Die Kirschernte war aber wegen der Wärme in diesem Sommer schon gelaufen, so dass nur noch vereinzelte, verdorrte Früchte an einigen Ästen ihr Dasein fristeten. Martin griff nach einem roten Apfel, der ließ aber nicht von seinem Ast, er versuchte es mit Gewalt.
„Momentchen bitte!“, rief da die Mutter von Erna, die uns über einen gepflasterten Weg entgegeneilte. Martin ließ sofort vom Apfel ab. Er streckte der Frau die Hand entgegen.
„Grüße Sie Gott, verehrte Madame! Die rote Farbe war es und der Glanz Ihres Apfels an diesem Baum, da konnte ich einfach nicht widerstehen.“
Ernas Mutter begrüßte uns herzlich. Die Äpfel waren noch lange nicht reif auch wenn mancher schon rot wurde. Trotzdem würde das noch Wochen dauern. Wir setzten uns vor dem Haus an einen bunt gedeckten Tisch. Was Ernas Mutter nicht wusste, war, dass wir am Abend zuvor bereits Dorschfilet von ihrer Tochter genossen hatten. Was wir nicht wussten war, dass wir zum Essen eingeladen waren.
Martin überreichte feierlich einen bunten Blumenstrauß. Den hatte er zuvor auf einer Wiese am Waldrand hinter dem Gehöft gepflückt. Wir waren deshalb extra nochmal dorthin gefahren. Denn in der Nähe des Tümpels im Wald, am Rande eines Feldes auf dem Weg zum Gehöft, lag eine herrlich bunte Sommerblumenwiese. Martin hatte von jeder Blumenart genau fünf Stück ausgesucht. Den Strauß hatte er mit Gräsern nach seiner Vorstellung zurechttrapiert. Im Wagen hielt er den riesig gewordenen Strauß vor sich und steckte noch bis zur letzten Sekunde die Blumen ineinander, bis der Strauß genau seinen Vorstellungen entsprach. Ernas Mutter war begeistert.
Sie stellte den riesigen Strauß in eine große Vase, die auf dem Tisch aber keinen Platz fand. So musste Martin damit Vorlieb nehmen, dass sein toller Strauß auf ein kleines Mäuerchen zum Garten gestellt wurde. Er setzte sich am Tisch so um, dass er seinen Blick auf sein Werk und den Garten richten konnte. Dafür machte ich ihm meinen Platz frei. Martin war zufrieden. Das Dorschfilet schmeckte hervorragend. Es langweilte gar nicht, nochmal Fisch zu essen, denn wir beide bekamen sonst ja nie frischen Fisch aus dem Meer.
Martin erzählte begeistert vom Meer und dem tollen Land rund um das Meer, in dem Frau Erna und unsere Gastgeberin, ihre Mutter, lebten. Er steigerte sich von einem Lob für die Gegend, aber vor allem für das Meer, zum nächsten. Dann kam er zu seiner Wohngemeinschaft und seiner Begeisterung für die Tanztheatermusikgruppe, in der er wöchentlich einen tollen Showtanz übte. Von da ging es weiter zum Neid, den er bei seinen Wohngemeinschaftsmitbewohnern heute schon sehe, wenn er, zurück zu Hause, beginnen würde, von seinem tollen Urlaub an diesem riesigen Meer zu erzählen. Da würde so Manchem die Kinnlade nicht mehr zugehen. Von dort schweifte Martin weiter zu unserer Reise. Mit dem tollsten Bluesmobil, das er sich erträumen könnte, es gehörte Ulli dem Uncoolen, wären wir durch die ganze Republik gefahren. In brütender Hitze hätte er alles nur deshalb ausgehalten, weil er wusste, wo die Reise hinging und wegen der halbstündlichen Zigarettenpausen.
„Darf ich hier an Ihrem Gartentisch rauchen Madame?“
Martin kam endlich an der Ostsee an, deren Anblick im Mondenschein, nach einer zehrenden Reise, alles übertroffen habe, was seine Träume jemals hergegeben hätten.
Er rief: „Gigantisch! Madame, wirklich gigantisch!“
Danach kam Martin zum Gehöft. Ich blickte ihn streng an. Dort sei eine herrliche Blumenwiese, auf der er diesen großen Strauß nachmittags ganz frisch „extra für Sie, Madame,“ ernten durfte. Jetzt schwieg Martin, er war mit seinem Bericht am Ende.
Welches Gehöft das denn sei, fragte die Mutter von Erna. Ich erzählte von meinem Aufenthalt dort vor fast zwölf Jahren. Die verstorbenen Feriengroßeltern, so die Mutter von Erna, kannte jeder im Ort. Der Feriengroßvater sei ein sehr angesehener Mann gewesen. Er habe den Hof aber schon sehr lange Zeit nicht mehr bewirtschaftet, denn er konnte nicht mehr arbeiten, weil er unter einer Kriegsverletzung litt. Die Mutter von Erna kam sehr schnell zu meinem Schreiben. Sie ahnte schon, dass es mit dem Hof und dem Feriengroßvater zu tun haben musste.
Die Adressatin des Briefes war eine alte Schulfreundin von ihr. Auch sie lebte, genauso wie sie selbst, schon immer im Ort. Es falle ihr jetzt aber sehr schwer, mir zu sagen wer das sei, denn das Schicksal ihrer Freundin sei wirklich hart. Ihr waren alle drei Söhne im Krieg umgekommen. Zum Schluss dann auch noch der Jüngste, von dem das Schreiben stammte. Der war ein ganz junger Bursche. Er war in den letzten Kriegstagen aus seiner Schulklasse heraus an die Front geschickt worden, von wo er nicht wieder nach Hause zurück gekommen war.
Martin und ich schwiegen. Weil jetzt auch die Mutter von Erna schwieg, fragte ich:
„Ist der Brief dann nicht wichtig für die Mutter?“
„Er ist es vielleicht, vielleicht ist er es auch nicht. Ich weiß es nicht, ich glaube, ich will ihr das nicht zumuten, nach so langer Zeit. Post vom toten Sohn, der vor siebenundvierzig Jahren gestorben ist. Das ist doch nichts, oder?“
Jetzt sagte Martin, der ruhig an seiner Zigarette paffte:
„Wir sind im Namen des Herrn unterwegs, Madame!“
Ich sah streng zu Martin.
Die Mutter von Erna fragte: „Wie bitte?“
„Wir sind von sehr weit gekommen, um einen Auftrag von biblischem Gewicht zu erfüllen.“
„Sind sie denn Priester?“
„Nein, nein, Martin ist ein Freund von mir. Wir sind auf Reisen. Martin findet unseren Auftrag wichtig. Ob er so wichtig ist, dass er einer Himmelsbotschaft gleicht, weiß ich nicht.“
Jetzt sah Martin mich böse an.
„Der ist wichtig! Sonst wärst Du nicht hierher gekommen!“
„O.k.“, sagte ich. „Martin hat vollkommen Recht. Es ist wichtig. Ich will mein Schreiben gerne seiner Adressatin bringen. Ich wollte es dem Feriengroßvater bringen, aber der ist ja nun gestorben.“
Jetzt war der Feriengroßvater eindeutig im Blickpunkt.
„Wie kam der denn zu diesem Schreiben?“, fragte Ernas Mutter.
„Keine Ahnung“, musste ich da achselzuckend zugeben.
„Er hatte es einfach nicht weitergeschickt damals, Ihr Feriengroßvater! Er hatte es bei sich behalten. Denn er war es gewesen, der den Jungen von zu Hause weg in den Krieg und damit den Tod geschickt hatte.“
Martin und ich schwiegen.
„Das will ich der Mutter des Buben, meiner alten Freundin, nicht zumuten. Sie hatte bisher geglaubt, ihr Junge wäre in Gefangenschaft umgekommen. Sie dachte, er wäre, wie der Feriengroßvater, drüben in Gefangenschaft gewesen. Von da kam er nie zurück. Ihr Feriengroßvater und der Bub waren getrennt worden. Er habe nie mehr etwas von dem Kind gehört, hatte Ihr Feriengroßvater damals gesagt. Sie seien von den Russen in ihrer Stellung aufgebracht worden. Nach zwei Wochen war es dann ab nach Russland gegangen. Dass der Junge aber in einem Graben, und nicht in Gefangenschaft, zu Tode gekommen sein könnte, wie wir es aus diesem Brief schließen müssen, ob das nach so langer Zeit wirklich sein muss?“
Ich verstand nichts. Martin auch nicht.
„Ich verstehe das nicht ganz. Wieso in einem Graben? Warum denn doch nicht in Gefangenschaft?“
„In seinem Brief schreibt er von einer Stellung, von schlaflosen Nächten und, vor allem, von viel Angst. Er schreibt, dass, wenn nicht bald Schluss sei, er vielleicht selbst Schluss machen werde.“
„Er wollte sich umbringen?“
„Vielleicht wollte er das, vielleicht wollte er auch flüchten. Keine Ahnung. Den Brief kann ich mir nur so erklären: Der Feriengroßvater hatte meiner alten Freundin jahrelang eine Lügengeschichte aufgetischt. Er wollte für den Tod des Jungen nicht verantwortlich gemacht werden. Die Jungs hatten ja fürchterliche Angst, Todesangst. Und viele von ihnen kamen tatsächlich noch in den letzten Tagen sinnlos um. Sie bewachten nutzlos Gräben, Straßen, Brücken, Lager und so weiter. Der Krieg war zwar noch nicht ganz aus, zumindest aber war er entschieden. Ihr Feriengroßvater aber hielt weiter an seinen Befehlen fest. Das musste der Grund sein. Er hielt die Briefe zurück, denn sie waren voll von Angst. Schließlich hatte er behauptet, der Junge sei in Gefangenschaft geraten, so wie er selbst. Der Junge starb aber vielleicht schon im Graben, in den ihn Ihr Feriengroßvater damals geschickt hatte. Wir wissen das nicht und werden das vielleicht nie erfahren. Das Einzige, was Sie hier mitbringen, ist ein alter, ängstlicher Abschiedsbrief, der nie abgeschickt worden ist. Und das wollen Sie meiner alten Freundin zumuten?“
Die alte Freundin wohnte im Altenheim im Ort. Sie bewohnte dort ein hübsches Zimmer mit Blick zur See. Ich setzte mich mit Martin zu der alten Freundin an einen runden Tisch am Fenster. Es gab Tee aus goldumrandeten Teetassen und für Martin ein großes Glas Orangensaft.
Martin hatte für den Termin gesorgt. Er hatte gefragt, ob die Frau sehr krank sei. Das überraschte die Mutter von Erna.
„Wieso sehr krank?“, wollte sie wissen. Weil sie dann, wenn sie gesund sei, vor allem, wenn sie im Kopf noch fit sei, auf jeden Fall erfahren wolle, dass ihr Sohn noch einen Brief, vielleicht seinen letzten, an sie geschrieben hatte. Sie sei die Mutter. Eine Mutter wolle immer wissen, was mit dem Sohn war, das könne gar keine Zumutung sein.
„Was sie nicht zumuten wollen Madame, muss zugemutet werden, sie sind doch selbst Mutter oder?“
Martin war in dem Moment nicht mehr im Namen des Herrn unterwegs. Seine Klarheit überzeugte Ernas Mutter. Sie selbst hatte Söhne im Krieg gehabt, die zum Glück alle überlebt hatten.
Beim Tee gab Martin der alten Frau einen kurzen Überblick zu unserer Anreise. Er schmückte einige Details ganz anders aus. So übernachteten wir plötzlich in unserer ersten Nacht am Strand nicht im Strandkorb, sondern direkt am Wasser. Das kühle Ostseewasser an den Füßen zu spüren, bei dieser brütenden Hitze, sei wunderbarer als jede Kneippkur.
„Wir sollten einen gemeinsamen Spaziergang am Stand machen. Wären sie dazu vielleicht zu späterer Stunde noch bereit, Madame?“
Er erzählte nichts vom Gehöft, sondern davon, dass er gekommen sei, weil er zwar einen schmerzlichen letzten Brief ihres Sohnes aus dem Kriege überbringen müsse, aber wisse, dass sie sich guter Gesundheit erfreue. Es sei das höchste Gut, auch wenn das Leben unendliche Schmerzen bereitet hatte. Trotzdem sei sie in einer Lage des Glücks, weil sie einen herrlichen Ort, wie dieses Meer und seine Natur, ein Leben lang genießen durfte.
Martins Ausschweifungen zauberten ein Lächeln auf das Gesicht der alten Frau. Ich erahnte darin ihre Schönheit, die sie in jungen Jahren gehabt hatte. Sie unterbrach Martin, als der nach Luft schnappte, um seine Rede weiterzuführen:
„Ein Spaziergang am Stand, das wäre mir schon recht junger Mann!“
Eine dreiviertel Stunde später bugsierte Martin den sperrigen Rollstuhl vom Gehsteig vor dem Altenheim auf meine drei Werkzeugkisten im Kofferraum des Käfers.
„Das geht nicht, der Mist muss raus!“
Meine Werkzeugkisten und verschiedene Autoteile schleppten wir in den Garten des Altenheimes. Dort schlichteten wir alles auf einen Haufen. Der Rollstuhl passte genau in den Kofferraum des Käfers. Aber er ging nicht mehr richtig zu. Also band ich ihn mit einer Schnur fest. Zum Strand war es ja nicht weit. Martin hatte Bärenkräfte, die wir jetzt brauchten. Die alte Dame im Rollstuhl brachten wir mit gemeinsamer Kraft über den Strand zum Wasser. Dort ging es leichter. Martin schob. Ich lief nebenher. Die alte Frau war jahrelang nicht mehr so dicht am Wasser gewesen. Sie strahlte.
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