Am Freitag gab es im Altenheim den versprochenen Tanzabend. Martin fieberte den ganzen Tag lang auf diesen Abend zu. Am Strand schlug er Räder und vollführte wilde Tänze im kühlen Wasser. Erna kam zusammen mit ihrer Mutter und deren Freundin im Rollstuhl. Im Speisesaal waren Tische für die Tanzfläche beiseite geräumt worden.
Hinter einer kleinen Tischreihe stand ein adretter Herr mit Nickelbrille. Er bediente dort einen Plattenspieler. Zu jedem Stück, das er zum Besten gab, forderte er die „jungen Damen und Herrn“ dazu auf, sich bitte doch einen für das nachfolgende Lied geeigneten Tanzpartner zu suchen. Durchs Mikrofon beschrieb er vorab das folgende Tanzstück.
Da waren musikalische Frühlingsblüten, ernüchternde Herbstträume, spannungsgeladene Tangorhythmen und romantisch „seichte Tränenschmetterer“ dabei. Der Herr beschrieb zur jeweiligen Gemütsverfassung eines Tanzstückes, das er ankündigte, ein kurzes Erlebnis aus seinem erfahrungsreichen Leben. Da wurde an Chancen erinnert, die zu ergreifen gewesen waren und vom musikalischen Rhythmus des Bossanova untermauert wurden. Es gab die Tränen, die nutzlos verflossen, während der Swing langsam dahinplätscherte, es gab die Eifersucht, in der man beim Chachacha in der Tanzschule der vermeintlichen Freundin beim Tanz mit einem Anderen nachweinte und es gab die Schicksalsschläge, denen nur der langsame Rhythmus des Blues in ihrer wirklichen Tiefe gerecht wurde.
Martin war der beliebteste Tanzpartner des Abends. Charmant forderte er alle „jungen Damen“ zum Tanz auf. Ich versuchte, mich rauszuhalten, was mir kräftig misslang. Zu vorgerückter Stunde, das war so gegen halb zehn Uhr, wurden die Gäste des Abends deutlich müde. Deshalb sagte der graumelierte Herr hinter dem Plattenteller die letzte Chance für einen jugendlichen Hüftschwung an. Den Abend endgültig beschließend, kündigte er den Hausbewohnern und Gästen, die nun, wie in einer Tanzschule, alle auf Stühlen rund um die Tanzfläche Platz nahmen, ein „Überraschungsschmankerl“ an.
Das war der Einsatz von Martin. Aus seinem Plattenteller zauberte der Herr nun einen Song der Bluesbrothers, der die Zuschauer sofort zum Mitklatschen animierte. Martin erschien in der Mitte der Tanzfläche. Er hatte sich eine schwarze Sonnenbrille aufgesetzt. Jetzt wirkte er in seinem schwarzen Anzug, den er extra für den Abend von Erna noch hatte bügeln lassen und in seinem weißen Hemd, tatsächlich wie Jake. Er legte einen schönen Stepptanz hin, den er mit ein paar riskant aussehenden Hüftschwüngen garnierte. Die Damen im Publikum hielten ihre Begeisterung nicht zurück. Auch die alte Freundin von Ernas Mutter strahlte, wie beim Spaziergang am Meer. Sie klatschte und ich glaubte zu sehen, dass sie sogar mitsang.
Martin schlug Räder wie am Strand, kam dabei, weich in die Hocke gehend, auf und wirbelte die Beine mit den Händen auf dem Boden stehend in einem Rad über die Tanzfläche. Seine Show schloss er mit einem dreifachen Überschlag, den er mir am ersten Abend am Strand schon vorgeführt hatte. Er verneigte sich vor dem begeisterten Publikum und dankte tausendfach für den wunderbaren Abend so nah am Meer.
Am nächsten Tag besuchten wir nachmittags noch einmal die alte Dame im Altenheim. Wir saßen mit ihr im Garten. Sie hatte den Brief eingehend studiert. Ihr Sohn hatte geahnt, dass er das nicht überleben würde. Warum der Feriengroßvater den Brief nicht verschicken ließ, war ihr unverständlich. Sie hatte mit Erna besprochen, den Brief einem Universitätsprofessor zu schicken, der historische Forschung zu solchen unbekannten Geschehnissen am Ende des Krieges betrieb. Vielleicht könnte der damit etwas anfangen und vielleicht würde das irgendwann zur Korrektur von irgend einer Zeile in irgendeinem Geschichtsbuch betreffend dem Wirken des Feriengroßvaters im Krieg führen.
Die Frage, wo der Leichnam des Sohnes geblieben war, war für die alte Dame das schlimmste. Er war nie zurückgekehrt. Die beiden anderen Söhne waren in einer Urne zurückgekommen. Der Brief aber gab keinen Aufschluss über die Todesumstände des jüngsten Sohnes. Seine Beerdigung neben den Brüdern, dass hätte ihr Gewissheit gegeben. So blieb es auf dem Friedhof bei der Gedenktafel für den jüngsten Sohn, neben den beiden Brüdern.
Ob auf dem Speicher noch mehr Briefe gewesen waren, ließ sich nicht mehr ermitteln, denn die Erbengemeinschaft hatte das Haus von einer ortsansässigen Firma räumen lassen. Die wiederum hatte alles, vor allem den Müll vom Speicher, in der Verbrennungsanlage der Großstadt, südlich vom Ort, vernichten lassen. Die alte Kiste war damit endgültig verschwunden, genau wie alles Mobiliar von diesem Speicher.
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