Der Blogwart

Wenigstens satirischer Blog - Der ewige Nörgler

Der Blogwart: Auch ein schöner Titel nützt moralisch nichts

Morgens verlasse ich während der Dämmerung das Haus, um meinen Nachbarn vor der Haustüre zu sehen, wie er gerade an einem Scheibenwischer eines Kleinwagens, der dicht an der Garageneinfahrt parkt, einen Schulheft großen Zettel anbringt. Um derartiges kümmere ich mich grundsätzlich nicht. Deshalb strebe ich eilig meinem Ziel, der U-Bahnstation entgegen. Auf der Rolltreppe zwingt mich ein Gedanke den Inhalt meiner Tasche zu prüfen. Schnell erkenne ich, dass der Gedanke Recht behält.
Weil ich ohne Brille auf dem Computerbildschirm Zahlen von Buchstaben nicht mehr unterscheiden kann, meine Arbeit es mir aber klar vorgibt, Zahlen am Computerbildschirm nicht nur zu erkennen, sondern mit ihnen zu rechnen, fasse ich den Entschluss umzukehren, um von zu Hause meine Brille zu holen.

So kommt es, dass ich an diesem Morgen zweimal die Wohnung und das Haus verlasse. Beim zweiten Mal sehe ich vor der Haustüre meinen Nachbarn, in einen lautstarken Streit mit dem Autofahrer verwickelt, an dessen Windschutzscheibe der Zettel meines Nachbarn heftet. Dabei höre ich unschöne Worte, die höchstens mir unbekannte Tiere bezeichnen könnten, sich jedoch schnell als Fäkalien entpuppen.
Das macht binnen Sekunden all meinen Respekt gegenüber dem Nachbarn, der einen Respekt einflößenden Titel trägt, zunichte. Ich glaube ab heute nicht mehr, dass er wegen seines Titels moralisch weiter sein könnte, als andere. Auch glaube ich nun nicht mehr daran, dass er wegen seines Titels anständiger denkt als andere. Ich weiß seit heute morgen, dass er vor allem keinesfalls anständiger mit den Menschen spricht.

„Moralische Glaubwürdigkeit gibt manchen Menschen eher die Sicherheit, tatsächlich ihre Meinung offen auszusprechen, auch wenn diese nicht politisch korrekt ist“.
Das ist eine schöne Erkenntnis aus Studien der Vorurteilsforschung. Sie findet sich in folgendem Artikel: Süddeutsche Zeitung, 13.08.2009, S. 18, „Lizenz zur Sünde“.
http://www.sueddeutsche.de/wissen/615/484055/text/

Kommentare

Der Blogwart

Das finde ich interessant. Dahinter ist fast eine Art Wertewandel, der sich wohl hauptsächlich in den Köpfen der Menschen vollziehen müsste. Im Grunde ist die "Leichtgläubigkeit" die besagt, dass hohes gesellschaftliches Ansehen gleichzeitig politisch korrektes Verhalten mitbringt ja schon lange nicht mehr so gegeben, wie z.B. in den siebziger Jahren. Trotzdem ist man doch immer geneigt, einem Moralprediger z.B. in der Politik eher abzukaufen, was er sagt, als einem Fastfoodketten-Mitarbeiter, der das gleiche erzählt. Erwische mich selbst immer wieder dabei. Das ist insofern erstaunlich, weil ich in Bayern, wo ich schon sehr lange lebe, aufgrund der zig Jahre "Polit-Amigo", die dieses Land hinter sich hat, eigentlich mit allen Wassern gewaschen worden sein müsste.
Der Mensch lässt sich trotzdem gerne täuschen, vor allem wenn es darum geht, dass Schein und Ansehen von Personen so schön trügen. Man sieht es eben doch ganz gerne wenn sich wichtige, sogenannte höhergestellte Personen bemühen, einem die Welt als in Ordnung zu verkaufen.

Grüße von Michael aus dem geliebten bayerischen Frankenland

Zu "Der Blogwart" @ Michael

Hallo Michael,
schätze mal, dass die von dir genannte "zig Jahre - Tradition" in Bayern noch lange anhalten dürfte. Sie ist momentan halt etwas schwerer zu durchschauen.
Daran zu glauben, dass "höhergestellte Personen" wie Politiker eine wahre Geschichte oder gar die Welt ernstgemeint als "in Ordnung" verkaufen, bedarf es wohl einer gehörigen Portion Naivität.

Herald aus Nörtingen

An Michael zu "Der Blogwart"

Was du da schreibst zeigt dein tiefes Misstrauen in die politische Landschaft und in deren Akteure, was unter Umständen in Bayern sogar berechtigter bzw. verständlicher ist, als anderen Ortes, wenn man an die unaufgearbeiteten "Amigogeschichten" dieses Landes zurück denkt.

Letztlich kann ich aber deine Kritik auch aus andern Gründen sehr gut verstehen, denn wenn, so wie es derzeit geschieht, sogenannte "höhergestelle Personen", wie Politiker (wie du sie nennst), Steuererleichterungen für die Zeit nach der anstehenden Wahl versprechen, nachdem sie zuvor Milliarden Steuern in das Bankensystem gepumpt haben, um damit den Steuerzahler und nachfolgende Generationen schwer zu belasten, so kann von einer "ansatzweise seriösen Verlautbarung" in den Versprechungen dieser Leute keinesfalls die Rede sein.
Umso erstaunlicher ist es, dass solche politische Akteure offenbar auch noch glauben (oder etwa erwarten?), dass sie vom Bürger nochmal ernst genommen werden.

Leider ist es nun aber so. dass die zur Wahl stehenden (zumindest diejenigen, die voraussichtlich wieder ans Ruder gelangen werden), außer derlei "argumentationsfreiem" Wahlkampfgedönse auf, ich nenne es mal platt "Wirtshausniveau", scheinbar nichts weiter zu bieten haben. Die früheren Zeiten, in denen politisches Profil vorhanden schien bzw. zumindest gezeigt wurde, scheinen endgültig vorbei zu sein.

Hängt das vielleicht damit zusammen, dass die früheren Amigoaffären nicht so schnell aufgedeckt werden konnten, wie man heute darin Gefahr läuft, als Vetternwirtschafter entlarvt zu werden? Vielleicht haben die meisten von diesen "höhergestellten Personen" irgendwo eine Dienstwagenaffäre, und vielleicht schwimmt man deshalb lieber in seichteren Wahlkämpfgewässern.
Wäre schade, wenn sich deshalb kaum mehr einer von denen traute, mit ernsthaften Vorstellungen und Äußerungen in Wahlkampfzeiten dem Bürger "normalen" Wein ein zu schenken, weil das die Gefahr heraufbeschwört, dass der politische Gegner (oder Konkurrent in der eigenen Partei) dann wie Hr. Schreiber mit dem Auspacken von irgendetwas winkt. Das wären Aussichten....

... eher pessimistische Grüße von Christine
aus dem (heute kühlen) Urlaubsnorden !

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