Seichtgebiete

Professionalität aus der Nähe:

Seichtgebiete

Malo war froh darüber, dass die Damen ein neues Thema entdeckt hatten. Das brachte sie meist auf wichtige Seitenwege, die sie von ihrem eigentlichen Thema entfernten. Ihr eigentliches Thema war der von Malo so gehasste belehrende Ton, den die Damen an den Tag zu legen pflegten, wenn sie sich wieder einmal gegenseitig darin übertrafen, sich in „fachfremde Angelegenheiten“ (wie Malo das gerne nannte) einzumischen. Das waren nämlich stets Malos Angelegenheiten. Meist waren sie felsenfest davon überzeugt, es besser zu wissen.

Morgens hatten die Damen einen Zeitungsartikel gefunden, dem ihr Interesse galt. Sie standen im Vorzimmer des Chefs Filber dicht gedrängt um die dicke Maier, die in aufgebrachtem, kratzbürstigem Ton laut vorlas. Malo hörte die dicke Maier die Worte „Mediengeschäft“, „obskure Verwicklungen“ und „Machenschaften“ heraus brüllen, als stünde sie auf einem gewerkschaftlich organisierten Rednerpult. Während er sein Redaktionsbüro aufsperrte, war ihm sekundenlang so, als könnte ihn das etwas angehen, doch es beruhigte ihn sogleich, als er durch den geöffneten Türspalt des Vorzimmers unschwer erkannte, dass Maier aus einem der seiner Meinung nach miesesten Blättchen der Republik zitierte. Das disqualifizierte nicht nur Maier, sondern auch den Malo unbekannten Inhalt, über den die Vorzimmerdamen an diesem Morgen ihr besorgtes Erstaunen spielten.

So ließ Malo, den Fortgang der Dinge im Vorzimmer außer Acht lassend, wie an vielen anderen Morgenden dieser Art, seine Bürotüre hinter sich ins Schloss fallen. Er schaltete den Computer ein, um anschließend am Fenster stehend, den frühen Blick über die grauen Dächer schweifen zu lassen.

Die Australienreise steckte noch in seinen Knochen. Die Zeitumstellung belastete ihn schwerer als bei der letzten Tour. Zwei Tage noch, so hoffte er, dann wäre alles wieder beim Alten. Malo kannte das.

Seine Frau Verena hatte als „Virginia Burghardt“ wieder beste Qualität geliefert. Die drei neuen Drehbücher hatte Malo auf dem Hinflug nach Melbourne abschließend überflogen. Um sicher zu stellen, dass sie den Weg durch die Redaktion in die Produktion finden würden, hatte er sie über die von ihm seit Jahren etablierten bewährten Kanäle schon Wochen vor Reiseantritt auf den Weg gebracht. Sein Treffen mit der unbekannten Autorin „Virgina Burghardt“ in Australien war trotzdem notwendig, wie jedes dieser Routinetreffen.

Filber hatte ihm stets dazu geraten, keine dieser Reisen zu unterlassen, denn nur so konnte er dokumentieren, dass „Virgina“ von der Redaktion bis zum Programmchef Prüfung und Beachtung erfuhr. So war die unbekannte Deutsch-Australische Autorin in allen Reihen des Programms präsent geworden. Ihre Drehbücher hatten die Unterhaltungssparten des Vorabends seit langem im Griff. Dank Malos bislang größtem Wurf hatte „Virgina“ vor drei Jahren sogar den Weg in die Hauptsendezeit gefunden.

Genau das liebe das Volk. Die grauenvollen Nachrichten und Horrorgeschichten mit denen Nachrichtensendungen und Boulevardblätter das Volk täglich überzögen, beschwörten geradezu den TV-Unterhaltungswunsch nach Leichtigkeit im Maßanzug. So hatte Malo mit seiner Erfindung „Virgina Burghardt“, dem Pseudonym seiner Frau, der in Australien lebenden Unbekannten, der endlos schreibenden Romantikerin, das definiert was dem von der Realität geplagten Zuschauer im deutschen Fernsehen täglich unbedingt zugemutet werden müsste.

Erfolg, so Malo, sei messbar. Nie habe es derartige Einschaltquoten gegeben. Kritiker, die diesen messbaren Erfolg mangelnden Alternativen zu dem Haufen Schrott zuordneten, der sich in dem Segment ausgebreitet hätte, wie ein Virus, schleuderte Malo die säuberlich gestapelten Erfolgsstatistiken der Controllingabteilung des Senders entgegen. Darin waren sowohl Einschaltquoten als auch Kosten-, Ergebnis- und Wirtschaftlichkeitsanalysen gemäß Malos Vorstellungen aufbereitet worden.

Malos Trumpf war die Chefcontrollerin Erika von der Maas. Sie hatte nicht nur ein Händchen für wichtige Zahlen, Daten und Fakten. Sondern sie konnte auch so manchem Drehbuch den letzten Schliff verpassen. Erikas Baby war die seit fünf Jahren laufende Erfolgsserie „Unser netter Waldi“, einem wöchentlich laufenden Vorabend-Gassenhauer, in dessen Mittelpunkt stand der Dackel der Rentnerin Erika von der Maat. Den letzten Schliff verpasste sie auch dem keinesfalls spannungsüberfrachteten, dafür aber umso alltagstauglicheren Streifen „Wäsche-Wache“ einem Beruhigungsprogramm, das sich einzig damit beschäftigte, wöchentlich zu zeigen wie die Deutschen ihre Probleme lösten, indem sie ihre Wäsche wuschen und trockneten. Als Dank für die Einschaltquoten und den Erfolg in Zahlen, erschien Erika von der Maas namentlich im Abspann der beiden Serien als Co-Autorin der von der Erfolgsautorin „Virgina Burghart“ verfassen Drehbücher.

Bevor seine Augen die rostroten Glockentürme im Südosten erreichten, vernahm Malo das leise Surren seines Telefons. Das konnte nur Filber sein. Malo hatte seit einer Woche im Büro wie zu Hause, ein Telefon, dem er je nach Anrufer eine andere Tonfrequenz zugeordnet hatte.

Wie üblich wollte Filber wohl nachfragen, wie Australien diesmal war. Malo ließ sich Zeit, denn sein Rundblick war noch nicht an den beiden roten Zwiebelglockentürmen angekommen.

Kurz vor der Abreise hatte Malo der Anruf des Schauspielers Eno erreicht. Eno spielte den ermittelnden Detektiv in der Hauptabendserie „Rufmord“. Seit drei Jahren waren die Drehbücher zu der Serie von „Virgina“ übernommen worden. Eno glaubte sich nun, wohl aufgrund des kürzlich an ihn verliehenen deutschen Erfolgsserienpreises „Golden-Schlurf“, dem Recht zugeordnet, eine Generalkritik an „Virginias“ Drehbüchern loswerden zu können.

Bei Malo war er da richtig und falsch zugleich. „Null Humor“, „mieserble Dialoge“, „grotten langweilige Storry“ und dazu auch noch ein „unzumutbar aus der Nase gezogener Aufbau“, das, so meinte Eno, sei endgültig untragbar.

Malo hatte das Drehbuch bereits an Erika geleitet, damit die es an entsprechender Stelle zurecht schleife. Eine Vorabversion musste er aber, wegen der kurzfristigen Drehtermine, an Eno leiten.

Nun war Eno untragbar geworden. Das hatte Malo mit Erika geklärt, während er Eno am Telefon auf eine Nebenleitung drückte. Vor Wochen hatte Erika auf einer spannenden Kurzfilm-Vernisage einen bekannten Schauspieler, der nebenher auch tolle Geschichten schreibe, an Land gezogen. Richi Roll, ein Malo bislang als in der Comedyszene tätiger Schauspieler bekannt, so tönte Erika durch die Leitung, stehe praktisch bei Fuß, um in „Rufmord“ sofort einzusteigen. Die Rolle sei dem auf den Leib geschrieben. Ein Wechsel würde neben klarer Loyalitätssteigerung ganz sicher für die nächsten ein bis zwei Produktionszyklen auch Kosten senkend wirken. Enos Honorarvorstellungen seien seit der Preisverleihung in einen exorbitant inakzeptablen Bereich gerutscht.

„Danke Erika, du bist und bleibst mein Engel!“, rief Malo, während er nebenher ein Mail an Filber verfasst hatte. Man sollte unbedingt auf die halbjährliche Auflösungsklausel in Enos Vertrag für „Rufmord“ zurückkommen. Er habe ein neues viel versprechendes Talent gefunden, dem Enos Rolle in „Rufmord“ auf den Leib geschrieben sei und der sofort in das neueste Drehbuch einsteigen würde. Eno sei, trotz Preisverleihung, nicht weiter zumutbar, was die anhängende Statistik der Einschaltquoten bei gleichzeitigen Honorarsteigerungen klar deutlich mache.

Malo hatte Eno in die Telefonleitung zurück geholt und zu einem Termin eingeladen um die von ihm angesprochenen Dinge und weitere Konsequenzen zu besprechen. Die dicke Maier im Vorzimmer von Filber hatte er angewiesen, den Auflösungsvertrag für Eno vorzubereiten und einen Schriftsatz von Verträgen für Richi Roll fertig zu machen, sowie diesen zu einem Termin einzuladen.

Die von der Nacht feuchten, rostroten Zwiebeltürme glänzten in den ersten Strahlen der Sonne. Malo lies Filber stets zwischen fünf und acht Mal läuten. Das war die Zeit, in dem ein Satz in einer Mail ordentlich zu Ende geschrieben werden konnte, ohne den Inhalt oder gar den Gesamtzusammenhang der Mail zu gefährden.

„Dieser Artikel ist der absolute Horror!“

Filber tobte.

„Welcher Artikel?“, fragte Malo beinahe etwas kleinlaut.

„Das kann keine ernst gemeinte Frage sein Malo! Haben sie keine Zeitung gelesen?"

„Heute noch nicht.“

 

Creative Commons Lizenzvertrag
"Wenigstens Kurzgeschichten 2011/2012" auf wenigstens-lesen.de von Bernado Wenigstens steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.
Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter http://wenigstens-lesen.de/contact erhalten

Kommentare

Seichtgebiete - Ähnlichkeit mit Realität nicht beabsichtigt

Hallo,
hab gerade diese kurze Episode gefunden. Sichelich ist die Ähnlichkeit des hier Geschilderten mit der Realität eines kleinen bis mittleren Skandälchens das letztes Jahr bei einem Tv-Programmacher stattfand nicht nur beabsichtig?
Viele Grüße !