Reisen (Anfang der 1980er Jahre) aus der Nähe:
Ein Ausgewiesener Camper
Sein Reisepass war im April nächtelang in einem durchnässten Zelt auf einem Campingplatz nahe dem Griechischen Olymp gelegen.
Nachdem er dort eine Nacht in seinem kleinen Zelt verbracht hatte, schloss er sich spontan Leuten an, die er auf dem Zeltplatz kennen gelernt hatte. Mit denen zog er zwei Wochen lang durch das Land. Seinen Reisepass hatte er im Zelt zwischen wenigen Klamotten zurückgelassen.
Der Zeltplatz lag unterhalb des Olymp. Das Zelt hatte er in einer, wie er glaubte, vor dem Wind geschützten Ecke des kleinen Campingplatzes stehen gelassen. Drei Tage später war ein heftiger Sturm über das leichte Zelt gezogen, hatte es nieder gedrückt und dabei vollkommen durchnässt. So war auf dem Reisepass ein brauner Rand entstanden.
Mit dem Campingplatzbetreiber hatte er am Morgen seiner spontanen Abreise ausgehandelt, dass sein kleines Zelt auf dem Campingplatz stehen bleiben durfte. Das hatte er als ein kostenfreies Entgegenkommen verstanden.
Nach seinem Verständnis war der griechische Platzbetreiber von der Idee ganz angetan, dass sein Zelt unbewohnt stehen bliebe, um auf dem nahezu leeren Campingplatz den Eindruck von „Betrieb vorzutäuschen". Welche Art von „Betrieb“ sein wahrlich winziges Zeltlein am Rande des Platzes darstellen sollte, war dabei nicht näher besprochen worden.
Das hatte wohl den einfachen Grund, dass eine Besprechung darüber, vermutlich klar zu erkennen gegeben hätte, dass sein winziges Zeltlein völlig ungeeignet war, diesen Zweck zu erfüllen.
Der Campingplatzbetreiber zeigte sich hoch zufrieden. Dieser etwas dubios erscheinende Tourist, der sich auf Reisen mit Fremden begab, während er sein Zelt für zwei Wochen stehen lies, konnte dem Platzchef nur recht sein. Die Kosten für diesen Service sollte der Tourist im Anschluss an die Reise begleichen. Menschen die zahlten, selbst aber nicht anwesend waren, hatten den Vorteil kein Wasser und keinen Strom beim täglichen Duschen und Rasieren zu verbrauchen.
Was konnte dem griechischen Campingplatzbetreiber besseres geschehen? Von Touristen war der Campingplatzchef einiges gewohnt gewesen, sie hatten immer wieder mal neue Ideen und Vorstellungen, warum also nicht auch diese: Bezahlen und dafür eine Art Materiallager auf dem Zeltplatz aufschlagen.
Die Reise mit den neuen "fremden Freunden" gestaltete sich äußerst abwechslungsreich. Deshalb begab es sich spontan, dass die geplante Rückreise, über den Weg des kleinen Campingplatzes nahe dem Olymp, einfach gar nicht mehr stattfand, weil man stattdessen vorgezogen hatte, eine Schiffspassage vom Griechischen Igoumenitza aus in Richtung Genua zu nehmen.
Erst an Bord des Schiffes wurde er sich des Umstandes bewusst, dass er sein Zelt einschließlich seiner Klamotten, die er darin deponiert hatte, wohl wegen der interessanten Reiseroute und den ebenso interessanten neuen Begleitern, schlicht vergessen hatte. Der Verlust des Reisepasses war ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht aufgefallen.
Das gewann erst in dem Augenblick Bedeutung, als Nachts gegen halb vier Uhr, italienische Beamte an Bord des Schiffes kamen, um die Papiere der Reisenden beim Grenzübertritt von Griechenland nach Italien zu kontrollieren. Dass sich sein Reisepass zu diesem Zeitpunkt in einem von ihm, auf einem Griechischen Campingplatz vergessenen Zelt nahe dem Olymp befinden könnte, war ihm, während er verzweifelt seinen Rucksack nach dem Dokument durchsuchte, nicht in den Sinn gekommen. Vielmehr zeigte er sich gegenüber den italienischen Carabinieri, die in ihren Uniformen mit ihren geschulterten Maschinenpistolen alles andere als harmlos wirkten, äußerst überrascht.
Sein Reisepass, den er zwei Wochen lang nicht vermisst hatte, weil er ihn fest irgendwo in seinem Rucksack vermutet hatte, so gab er den Italienischen Beamten nun mit Händen und Füßen zu verstehen, sei „anywhere“ womit er zu umschreiben meinte, dass es ihm unmöglich sei, dessen Verbleib zu bestimmen.
Ein glücklicher Umstand ermöglichte es ihm schließlich, sich gegenüber den Carabinieri doch noch auszuweisen. Da gab es nämlich noch diese Karte, die ihn dazu legitimierte, in seinem Heimatort die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Genau diese kleine Karte fand er in seinem Rucksack. Nach ganz unten war sie darin gerutscht, stecke eingekeilt zwischen Socken, Unterwäsche und Büchern, die er dorthin verbannt hatte.
Die Karte trug sein Foto und sie war von intensiver Sonneneinstrahlung inzwischen ziemlich vergilbt. Trotzdem hatte sie manchmal schon dazu gedient, den österreichischen Nachbarn nahe seines Heimatdorfes, seine Identität beim Grenzübertritt zu beweisen, was vor allem dann notwendig war, wenn er seinen Pass, wie schon oft geschehen, zu Hause liegen gelassen hatte.
Er streckte im windigen Morgengrauen auf der schaukelnden Fähre einem italienischen Carabinieri seinen ÖPN-Ausweis seines bayerischen Heimatortes unter die Nase. Der Mann starrte sekundenlang auf dieses Dokument, als handle es sich um ein obskures Blättchen, das zu betrachten ihn ein fremder Ausländer aufforderte, um darauf unter Umständen einen gesuchten Betrüger, Verbrecher oder sonst irgendwie kriminell gewordenen zu identifizieren.
Der Vorgang brachte ihm eine Sonderbehandlung derart ein, dass er mehrere Zwischenübernachtungen in einem genuesischen Zellenraum verbringen musste, um von dort aus die Deutsche Botschaft damit zu beschäftigen, für ihn ein Ersatzdokument, das seine Identität bestätigten sollte, zu beschaffen. Zuvor hatte er beinahe selbstverständlich, eben genau so wie er sie kennen gelernt hatte, die Trennung von seinen neuen Freunden und Reisebegleitern vollzogen.
Nach drei Tagen hitzigen Aufenthaltes in der stickigen Stadt gelang es ihm unbeschadet in sein bayerisches Heimatdorf zurück zu kehren. Dort nahm er sein Leben wieder auf, so als sei er nie auf Reisen gewesen. Er besuchte täglich seine Ausbildungsstelle, verbrachte die Wochenenden und Abende vor dem Fernsehgerät oder auf der Sonnenbank vor dem Haus und lebte alles in allem so dahin wie eh und je.
Im Februar schließlich, der Sommerurlaub in Griechenland war schon lange passee, wenn auch nicht restlos vergessen, erreichte ihn ein Briefumschlag der einen etwas zerfledderten Zustand aufwies, weil er wohl aus dem Ausland stammte und einen weiten Weg hinter sich zu haben schien.
Nun zeigte er sich gegenüber den Hausbewohnern riesig überrascht darüber, dass der Umschlag seinen in Verlust geratenen Reisepass enthielt. Nach näherem Studium des Umschlags und des Dokumentes stellte sich heraus, dass alles wohl einen längeren Reiseweg, nämlich von Griechenland bis zu seinem bayerischen Provinzkaff hinter sich gebracht hatte. Auf einer beigelegten, zerknitterten Postkarte erkannte er einen Berg der dem griechischen Olymp nicht unähnlich zu seien schien. Den griechischen Begleittext der Karte konnte keiner seiner Mitbewohner entziffern. Selbst einer in der Wohngemeinschaft lebenden Studentin, die des Neugriechischen angeblich mächtig gewesen war, gelang es lediglich einige Schimpfworte auf der Postkarte zu entziffern. Warum jedoch diese Worte darauf geschrieben worden waren, vor allem aber die Frage, von wem der Brief mit dem Pass verschickt worden war, blieb ungeklärt.

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